Mit Merkel kommt der Handkuss wieder
Man sollte es nicht unter freiem Himmel tun und auch nicht in aller Öffentlichkeit - man sollte es nur mit verheirateten Frauen tun, das sagen die Benimmregeln - man sollte immer Augenkontakt behalten, sonst rutscht der Blick womöglich noch ins Dekolleté - man sollte an den großen Höfen im Spanien des 16. Jahrhunderts leben oder im Frankreich des 18. Jahrhunderts, sonst wirkt das Ganze etwas angestrengt. Jacques Chirac, der immer mehr zu einem Präsidentendarsteller wird, war das alles egal. Da stand er auf den Stufen des Elysée-Palastes, aus dem Auto stieg nicht sein Freund Gerd, sondern diese Frau mit ihrem schwarzen Anzug - und er machte das, was ein Präsidentendarsteller in so einer Situation macht, er griff sich ihre Hand und beugte seine Lippen sanft nach unten und zeigte der teutonischen Kartoffelsuppenesserin, was französische Etikette ist. Merkel nahm das so gelassen hin, wie diese Pfarrerstochter alles gelassen hinnimmt. Sie hatte ja auch noch ein paar Termine. Mit EU-Kommissionspräsident Barroso, dem sie die Hand hinhielt, als wolle sie sie in einen Bottich mit Hautcreme tunken. Mit Tony Blair, der ihr die Hand schüttelte wie einem Kerl. Da war sie angekommen, die Kanzlerin, im 21. Jahrhundert. Hätte nicht Michael Glos ihre Reise in die Gegenwart wieder zunichte gemacht. Er begrüßte Merkel nach ihrer Rückkehr mit Handkuss.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 49/2005
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