Museum statt Unternehmen
Mit Qualitätsregeln von gestern verprellen französische Winzer ihre Kunden
Mitten im Niemandsland des Languedoc, einer strukturschwachen Region im Süden Frankreichs, liegt das Örtchen Aniane. Im winterlichen Nieselregen sind die Gassen wie leer gefegt, von den Fassaden der Häuschen aus der Nachkriegszeit blättert der Putz. An der Bar des einzigen geöffneten Bistros trinken die Männer um die Mittagszeit Pastis.
Nach Aniane hätte sich wohl kaum je ein Besucher verirrt, wäre die kleine Gemeinde nicht vor fünf Jahren zum Schlachtfeld eines bizarren Weinkriegs geworden. Der Feind: Robert Mondavi aus Kalifornien. Sein Unternehmen, das inzwischen zum US-Konzern Constellation Brands gehört, vertreibt weltweit erfolgreich Markenweine. Mondavi steht für den günstigen Supermarktwein Woodbridge ebenso wie für den teuren Spitzenwein Opus One. Als er in Aniane 50 Hektar Weinberge kaufen wollte, biss der Unternehmer bei den Lokalhonoratioren allerdings auf Granit. Mondavis Wein, das ist Jogurt. Ein reines Industrieprodukt, erklärte Aimé Guibert, der Patron des Traditionsweinguts Daumas Gassac. Die eintönige Massenware, mit der Amerika die ganze Welt überschwemmt, das ist eine neue Form der Barbarei. Er stemmte sich so lange gegen die McDonaldisierung französischen Kulturguts, bis der Gemeinderat das Vorhaben ablehnte. Mondavi investierte schließlich in Chile.
Die Franzosen feiern ihren Sieg noch heute. Und doch symbolisiert der Fall Mondavi eine Wende im weltweiten Weingeschäft und den Beginn einer französischen Krise. Während Luxusweine aus Frankreich weiter gefragt sind, sind einfachere Produkte zu Ladenhütern geworden. So ist der Absatz von Bordeaux-Weinen in Deutschland im vergangenen Jahr um 33 Prozent gesunken.
Auch Beaujolais, Rh'ne und andere bekannte Appellationen verzeichneten herbe Einbrüche. In diesem Jahr müssen in Frankreich rund 1,5 Millionen Hektoliter unverkäuflichen Weins mit Hilfe von EU-Subventionen zu Industriealkohol destilliert werden.
Die Verbraucher schätzen Marken wegen der leichten Wiedererkennbarkeit und der konstanten Qualität, die große Industrieunternehmen eher bieten können als eine Vielzahl kleiner Erzeuger, erklärt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz. Auch die Deutschen greifen immer häufiger zu Markenweinen oder markenähnlichen Produkten wie etwa Rebsortenweinen. Ob der Shiraz in Übersee oder als Syrah in Europa gewachsen ist, gilt für manchen modernen Weintrinker als zweitrangig.
Der amerikanische Unternehmer Mondavi verkörpert so ziemlich alles, was traditionsbewusste Winzer wie Guibert hassen. Die Amerikaner glauben, nur was groß ist, ist auch schön, erregt sich der eloquente Senior, der das Gut gemeinsam mit zwei erwachsenen Söhnen führt. Guibert attackiert die Großen: das große Kapital, den Großhandel und vor allem die großen Marken. Unser Wein ist das genaue Gegenteil einer Marke: Er ist ein Terroir-Produkt.
Terroir, zu Deutsch schlicht Boden, heißt das Zauberwort, mit dem nicht nur die Winzer des Languedoc für französische Spezialitäten werben. Terroir ist eine Art Kontrastprogramm zu industriell gefertigten Lebensmitteln, die auf einen uniformen Massengeschmack getrimmt und in riesigen Mengen für die Handelskonzerne hergestellt werden. Spezialitäten der Provence oder der Auvergne werden dagegen von Kleinproduzenten nach traditionellen Verfahren erzeugt und tragen den Stempel ihrer Herkunftsregion, eben des Terroirs. Als Gütezeichen für solche Agrarprodukte, zu denen Weine ebenso wie Käse oder Gewürze zählen, dient die kontrollierte Herkunftsbezeichnung (Appellation d'Origine Contr'lée).
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 49/2005
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