Wirtschaftsethik Herr Neumann, übernehmen Sie!
Der Gewerkschafter Horst Neumann ist neuer VW-Personalvorstand. Ausgerechnet er muss Tausenden Mitarbeitern erklären, warum es dem Unternehmen nützt, wenn sie gehen
Immer weniger Menschen bauen immer mehr Autos. Jedes Jahr wächst die Produktivität in den Fabriken um vier bis fünf Prozent. Mit gravierenden Folgen, das macht Horst Neumann Ende November im kleinen Kreis deutlich: Theoretisch müsste man bei Audi in den kommenden zehn Jahren den Autoverkauf schon verdoppeln, um die Zahl der Mitarbeiter konstant zu halten. Oder die Autos müssten eben ständig mit mehr Inhalten aufgewertet werden.
Dreieinhalb Jahre lang trug Neumann bei der noblen Ingolstädter Tochter des VW-Konzerns als Personalvorstand Verantwortung für die gut 53.000 Beschäftigten. Audis Absatz wächst, die Umsatzrendite lag im vergangenen Jahr bei ordentlichen fünf Prozent. Dennoch hat Neumann mit den Betriebsräten und der IG Metall vor einigen Monaten eine Betriebsvereinbarung mit dem schönen Titel »Zukunft Audi – Leistung, Erfolg, Beteiligung« ausgehandelt. Der weniger schöne Inhalt: Gegen eine Beschäftigungssicherung bis 2011 mussten die Arbeitnehmer flexiblere Arbeitszeiten und Abstriche beim Lohnzuwachs akzeptieren.
Trotzdem, am Ende waren beide Seiten mit Neumann zufrieden: Der IG-Metall-Vize Berthold Huber, der für die Arbeitnehmer im Audi-Aufsichtsrat sitzt, äußerte sich wohlwollend, weil die Jobs gesichert werden. Audi-Chef Martin Winterkorn war froh, dass die Personalkosten nicht noch mehr steigen. Auch deshalb stellt er ihm zum Abgang ein gutes Zeugnis aus. »Doktor Neumann hat bei Audi einen hervorragenden Job gemacht«, sagt er.
Doch was Neumann jetzt erwartet, dürfte noch weit schwieriger werden.
Vom 1. Dezember an hat der 56-jährige Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler einen neuen Arbeitsplatz. Er wird Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei Volkswagen. Horst Neumann ist der Nachfolger des über den VW-Skandal gestolperten Peter Hartz, der einst als Neumanns Förderer galt. Und VW-Personalchef zu sein heißt im Moment vor allem eines: Arbeitskosten senken und Arbeitsplätze abbauen.
Denn immer stärker erlebt der deutsche Traditionskonzern Volkswagen das, was die amerikanische Konkurrenz seit Jahren spürt: den Siegeszug der japanischen Automobilhersteller. Innerhalb von zehn Jahren nahmen die Japaner General Motors, Ford und Chrysler 30 Prozent des US-Marktes weg. Nun droht Ähnliches in Europa. Nirgendwo werden Fahrzeuge so effektiv und mit so wenig Personalaufwand produziert wie in den Fabriken von Nissan und Toyota. Und die Koreaner wie Hyundai oder Kia eifern dem Vorbild erfolgreich nach. In der Branche herrscht Konsens: Wer von den Asiaten nicht lernt, kann auf dem Weltmarkt nicht mithalten.
Für Neumann ist das nichts Neues, er hat einst zum Thema Vergleich der Wettbewerbsstärke der deutschen und japanischen Automobilindustrie promoviert. Heute ziehen Japaner und Koreaner in Europa eine Fabrik nach der anderen hoch. Die Liste der aktuellen und geplanten Standorte hat Neumann stets griffbereit in der Aktentasche – sie wird ihm wohl auch in Wolfsburg bei der Argumentation helfen.
Denn dort muss die Konzernleitung in den kommenden Monaten nicht nur den Skandal um möglicherweise korrupte Ex-Manager und lustreisende Betriebsräte aufarbeiten, sie muss sich vor allem um den eigentlichen Sinn des Unternehmertums kümmern: das Geldverdienen. Die Marke VW, der Kern des gesamten Konzerns, schreibt rote Zahlen. Konzernchef Bernd Pischetsrieder und der Markenverantwortliche Wolfgang Bernhard ziehen deshalb ein rigoroses Sparprogramm durch – allein beim Personal sollen mindestens zwei Milliarden Euro hereingeholt werden.
10.000 Stellen stünden bei VW auf der Streichliste, wird kolportiert. Es könnten sogar noch mehr werden.
Selbst der Betriebsratschef Bernd Osterloh orakelte in der Hauszeitschrift autogramm: »…gehen Sie mal davon aus, dass wir speziell im indirekten Bereich über einige Beschäftigte mehr reden, als man sich das im Moment vorstellen kann.« Ein Abkommen, das noch in der Ära von Neumanns Vorgänger Hartz ausgehandelt wurde, schließt zwar auch bei den westdeutschen VW-Werken bis 2011 betriebsbedingte Kündigungen aus, aber auch der sozialverträgliche Abbau ist keine einfache Aufgabe. Ausgerechnet Horst Neumann muss sie nun erfüllen, ausgerechnet er muss Stellen streichen, der er doch von Haus aus Gewerkschafter ist.
16 Jahre lang hat der neue VW-Chefpersonaler in der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt gearbeitet, bevor er 1994 auf die andere Seite wechselte und bei einer Tochter des ThyssenKrupp-Konzerns als Personalchef anheuerte. Im Juni 2002 holte ihn dann Ferdinand Piëch zu Audi. Der war damals noch VW-Vorstandschef und Aufsichtsratschef von Audi. Bis heute besitzt Neumann Mitgliedsbücher von IG Metall und SPD.
Ein Grund, weshalb seine Berufung zum Hartz-Nachfolger im VW-Aufsichtsrat zum Eklat geriet. Wieder war es Piëch, inzwischen VW-Aufsichtsratschef, der gemeinsam mit IG-Metall-Chef Jürgen Peters die Personalie gegen den Willen eines Großteils der Kapitalvertreter durchsetzte. Vor allem der Vertreter des Großaktionärs Niedersachsen, CDU-Ministerpräsident Christian Wulff und Ex-ThyssenKrupp-Chef Gerhard Cromme waren empört über den Coup des ungleichen Duos .
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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