Ohrfeigen und Ohrringe
Die kroatische Exilautorin Dubravka Ugresic erzählt von den Leiden der Emigration und dem Phantomschmerz nach Exjugoslawien
Schon vor dem ersten Satz steht die erste Beunruhigung: Dem Andenken an Barbara Antkowiak. Die große Übersetzerin starb, während sie Dubravka Ugresics Roman aus dem Kroatischen ins Deutsche brachte. Natürlich übersetzte sie auch aus dem Serbischen und dem Bosnischen: Was einmal eine einzige Sprache war, ist zertrümmert worden. Auch darum geht es in diesem Buch. Es handelt von den Unsrigen, ohne sagen zu können, wer wir ist. Wir, das sind die mit der unsichtbaren Ohrfeige im Gesicht, schrägem Gang und schrägem Blick, lauernd und ängstlich wie Kinder, denen die Hand der Mutter entglitten ist. Wir, das sind die Jugos, Ehemalige aus einem ehemaligen Land. Die Vergangenheit ist ihnen Traum und Trauma zugleich: Die einen fühlten Schuld, weil sie den Krieg nicht erlebt hatten, die anderen Entsetzen, weil sie ihn erlebt hatten.
Tanja ist - wie ihre Erfinderin, die kroatische Autorin, die noch immer im niederländischen Exil lebt - aus Zagreb nach Amsterdam geflohen. Aus ihrem Souterrainzimmer betrachtet sie Beine und Füße, draußen die Spiegelungen in Grachten und Fenstern, die Sandfundamente der Stadt und die Nebelschwaden, und empfindet einen gespenstischen Gedächtnisverlust. An der Haltestelle überfällt sie die Sehnsucht, die Stirn gegen den Fahrplan zu stoßen und sich wehzutun, und im Bus kommt es vor, dass sie einem Mann den Ohrring mit den Zähnen herausreißen will. Flüchtlinge sind auch ihre Studenten an der serbokroatischen Fakultät. Für Tanja sind die jungen Emigranten mit den Stacheldrahtzäunen zwischen ihren Dialekten - Igor, Uros, Meliha und die anderen - alle Rekonvaleszenten, die ohne eine Erinnerungskur so etwas wie jugoslawische Literatur nicht studieren können. Der eine jobbt als Kloputzer, der andere spielt Akkordeon auf den Märkten, drei schneidern Latex und Leder für die SM-Pornoboutique Ministry of Pain. Die Seminartreffen aber führen sie in einem bittersüßen gruppendynamischen Rausch zusammen, einer schmerzlichen jugonostalgischen Inventur der Verluste.
Tanja, die Erzählerin, weiß um die Ambivalenz solcher Musealisierung. Sie weiß es ebenso wie Dubravka Ugresic in ihrem Roman über die Krankheit der Emigration, die eine Amputation ist. Ich laufe umher, finde da ein Bein, dort einen Arm, oh, das ist ja prima, und hier liegt auch mein verrückter Kopf, sagt Meliha. Der Kopf ist dran, der Schmerz ein Phantomschmerz. Was hilft - Erinnern oder Vergessen? Und verdeckt nicht die Restaurierung des jugoslawischen Alltags die vergangenen Verbrechen? Als Uros sich umbringt, weil sein Vater als Kriegsverbrecher angeklagt ist, bricht Tanjas Rettungsversuch zusammen. Mit Igor fährt sie nach Den Haag, betrachtet Uros' Vater vorm Strafgerichtshof und das Mädchen mit dem Perlenohrring im Museum.
Igor ist es, der Tanja die Lektion erteilt, dass ihre eigene Lust am Schmerz sie an die Vergangenheit kettet. Erst da beginnt sie, Niederländisch zu lernen. Sätze, die alle mit ik anfangen - ich, nicht wir ...
Aber der Riss bleibt, denn erzählt wird auf Kroatisch. Ich frage mich, ob man mit einer verstümmelten Sprache, die nicht gelernt hat, die Wirklichkeit zu beschreiben ... überhaupt etwas anstellen kann, beispielsweise eine Geschichte erzählen, sagt Tanja im Epilog, der den Versöhnungswunsch des Lesers erfüllt. Man kann: Ugresic bündelt ihr luzides essayistisches Talent mit der Fähigkeit, Realität und Märchen, Alltag und Albtraum zu verbinden, in einem dicht komponierten, runden, ja spannenden Roman. Doch ein Epilog ist nur ein Nachtrag. Am eigentlichen Schluss steht das letzte Bild aus Kafkas Prozess, in dem in nachtdunkler Höhe über Josef K. ein Fenster aufgestoßen wird, bevor er stirbt wie ein Hund. Nur umgekehrt: Tanja, jetzt im Ausländerghetto, stößt über dem Hof das Fenster auf und sieht einen Mann in der Dunkelheit verschwinden wie einen Hund. Die Hoffnung nach dem Krieg, die Hoffnung in der Fremde zieht sich auf Josef K.s letzte Fragen zusammen: Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle?
Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen
Aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak und Mirjana und Klaus Wittmann - Berlin Verlag, Berlin 2005 - 286 S., 19,90 e
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 49/2005
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