Er hat ein Gesicht, das man sich gut merken kann. Glatte Haut, hohe Wangenknochen und diese unglaublich dichten geraden Augenbrauen. Sie täuschen eine Entschlossenheit vor, die von dem kindlich fragenden Blick sogleich wieder zurückgenommen wird. Matt Dillon war mal eine Schönheit. Sanft, fast zart, trotzdem cool und zwischenzeitlich ziemlich hip. Als Drifter und Zocker, vor allem aber als Junkie, der in Gus van Sants Drugstore Cowboy (1989) den Rausch mit nihilistischer Konsequenz zelebriert. Dillon spielte ihn als wandelnde Neurose. Als eine Art Vertreter für das kollektive Borderlining einer Generation, die ihre seelischen Defekte mit der Melancholie der sowieso schon Verlorenen aufzuhübschen versteht. Wenn die Wirklichkeit nur saufend zu ertragen ist: Matt Dillon ist Bent Hamers Bukowski-Film "Factotum" BILD

Das Independent-Kino war um einen schlacksigen Loser, die kieksende Welt der Pubertierenden um ein suizidales Idol reicher. Und es dauerte nicht lange, bis auch die Modewelt ihre Models als gruftige Heroinopfer auf den Laufsteg schickte und die Inszenierung willenloser Restkörper eine Weile todschick wurde. Sogar Bret Easton Ellis schwärmte in American Psycho von Dillon: "Manchmal ist er so hübsch auf der Leinwand, dass er beinahe stilisiert wirkt." Oder: "Die Kamera schmeichelt ihm so sehr, dass es praktisch unmöglich wird, sich an seine Filmpartnerin zu erinnern."

Rund 15 Jahre ist das jetzt her. Inzwischen haftet Dillons Attraktivität etwas Kurioses an. Das Alter hat seine Silhouette aufgepolstert. Schultern und Nacken haben etwas Bulliges bekommen, und dieses flächige, lustige Kinn lässt ihn ein bisschen wie den Disney-Helden Mr. Incredible aussehen.

Wenn Dillon beim Interview bei jeder Frage artig interessiert die Hände faltet und vor jeder Antwort sehr lange und sehr bedächtig den Kopf wiegt, möchte man ihn immer noch erlösen. Wie damals, als ihn die bunten Pillen weit forttrugen und frei fliegende Kühe und Verkehrsampeln durch die einsame Glückseligkeit des Drugstore Cowboys schwebten. Wenn man um diesen verzauberten Prinzen weiß, ist der "andere" Dillon vielleicht leichter zu ertragen.

Der Dillon, der in Paul Haggis’ L. A. Crash als stiernackiger Streifenpolizist bei einer Verkehrskontrolle eine schwarze Frau mit sexuellen Übergriffen terrorisiert. Oder der jetzt in Bent Hamers liebevoller Bukowski-Verfilmung Factotum als des Schriftstellers Alter ego Henry Chinaski durch die Staaten vagabundiert. Wobei er die amerikanischen Glücksversprechen am erhobenem Whiskyglas dankend abprallen lässt.

Dillon spielt den Gelegenheitsbriefträger, -raumpfleger, -gurkenverpacker, -bremsensortierer, den Literaten, Säufer, Spieler und Betrüger mit sicherem Instinkt für die Alkohollöslichkeit von vollmundigen Vorsätzen und großen Gefühlen. Sein Bukowski-Chinaski-Geschöpf kauert in seinem Körper wie andere in ihrem Auto. Ein nicht gerade gepflegtes Vehikel, dessen Kraft er leicht unterschätzt und dessen Masse er keine geschmeidigen Bewegungen abtrotzen kann. Es ist eine Figur, die viel zu lange den rauen Witterungen einer nur saufend zu ertragenden Wirklichkeit ausgesetzt war, als dass sie noch an das einfache Glück glauben könnte. Bestenfalls an Schadensregulierung. Und Dillon ist empfindsam genug, um in Chinaskis gelegentlich brutalem Umgang mit Frauen eine verschüttete Sehnsucht nach etwas ganz anderen aufzuspüren. Nach etwas, das in diesem Körper nicht zu erlangen ist.

"Ich lass ihn nicht liebenswerter aussehen, ich verharmlose nichts", sagt Dillon und setzt das Kinn wieder auf den gefalteten Händen ab. "Ich denke genau da liegt das Missverständnis. Bukowski war ein schüchterner, zurückhaltender Mann, verletzlich, auf der Hut. Er hatte eine erstaunlich hohe Stimme. Das vergisst man bei der Derbheit seiner Sprache schnell. Für mich war diese Schüchternheit viel interessanter als das Offensichtliche, das Klischee zu spielen."