Je oller, je doller

Haug von Kuenheim über Senioren, die klauen

Da hört sich doch alles auf. Unter uns Älteren, so behauptet ein Würzburger Kriminologe, gebe es Betrüger und Diebe zuhauf. Verdoppelt habe sich die Zahl in den letzten zehn Jahren auf 150000. Von der Dunkelziffer ganz zu schweigen.

Aus Angst, Rente oder Pension reichten nicht aus, griffen wir Älteren immer öfter in die Regale der Supermärkte, stopften uns Butter und Harzer in die Jackentasche, vielleicht auch ein Pülleken Prosecco, statt es in den Einkaufswagen zu legen. Die Damen unter uns, Elstern gleich, trieben es besonders toll, was sie früher nie getan hätten. Jetzt langten sie ungeniert zu und häufelten, Eichhörnchen gleich, Vorräte an.

Anzeige

Der Kriminalitätsforscher hat selbstredend Erklärungen für derlei Verhalten parat. Die Alten seien oft allein, sie langweilten sich, und bei ihren ausgedehnten Bummeln durch die Konsumwelten steige die Versuchung. Zudem litten ältere Herren nicht selten unter dem Verlust ihrer früheren Stellung, damals angesehen, heute ein weißhaariger Nichtsnutz, der zum Tunichtgut mutiert. Was tut er? Er zerkratzt und zerbeult Autos. Auf diese Weise möchte er sich rächen für den erlittenen Ansehensverlust, schließlich symbolisiere das Auto, so psychologisiert unser Würzburger Forscher, für ihn eine nicht mehr zu erreichende Schnelligkeit und Unabhängigkeit.

Könnte es nicht sein, lieber Herr Kriminologe, dass wir, sollten wir wirklich die Tafel Schokolade (für unseren Enkel!) in die Manteltasche gesteckt haben, dies aus reiner Schusseligkeit getan haben, wie sie das Alter nun einmal mit sich bringt? Wollen Sie uns wirklich vor Gericht zerren, wenn wir den Playboy im Zeitungsladen mitgehen lassen? Kann uns nicht die Frage »Da war doch mal was?« so abgelenkt haben, dass wir das Zahlen schlicht vergaßen? Und was die Kratzer und Beulen der Autos anbelangt: Wenn diese, verkehrswidrig auf dem Bürgersteig abgestellt, uns dort beim Spazierengehen behindern, wer will es uns verdenken, dass wir sie dann aus reiner Notwehr mit unserm Stock attackieren?

Es ist vorauszusehen. Noch ein paar solcher diskriminierender Untersuchungen unter dem Rubrum »Immer mehr Rentner stehlen und betrügen«, und der Ruf der Allgemeinheit nach vergitterten Altersheimen und Fußfesseln wird lauter und lauter. Aber ich schwöre: Vorher bedienen wir uns noch! Wie jene 70-jährige Dame, die kürzlich in Berlin einen Zettel mit der Aufforderung »Geld her« über den Banktresen schob und mit einer handlichen Pistole ihrer Bitte Nachdruck verlieh.

* Haug von Kuenheim ist 71. Nach 40 Jahren bei der ZEIT – unter anderem als Leiter des Modernen Lebens und stellvertretender Chefredakteur – privatisiert er heute

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service