Die Deutschen, so könnte man glauben, sind ein aufgeklärtes Volk. »Über Sex und Empfängnisverhütung«, sagt der Gynäkologe Sven Hundertmark vom Allgemeinen Krankenhaus Altona in Hamburg, »weiß heute schon jedes Schulkind bestens Bescheid«. Beim Thema Blasenschwäche aber, das erlebt der Mediziner in seiner Klinik immer wieder, bleiben selbst gestandenen Familienvätern und mehrfachen Müttern die Worte im Halse stecken. BILD Bei Inkontinenz ist entweder die Nervenversorgung (1) oder die Blasenmuskulatur selbst (2) gestört, oder der Ringmuskel (3) am Austrittspunkt der Harnröhre schließt nicht mehr ganz.

Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Störung, durch die sie immer wieder unfreiwillig Urin verlieren oder plötzlich starken Harndrang verspüren. Doch kaum einer von ihnen spricht darüber. »Nur knapp drei von zehn betroffenen Frauen gehen wegen ihrer Harninkontinenz zum Arzt«, sagt Hundertmark, »bei Männern ist der Anteil eher noch geringer.«

Dabei kann Blasenschwäche den Alltag zur Hölle machen. Ob beim Sport, im Theater, beim Kundengespräch im Job oder beim Geschlechtsverkehr – immer und überall droht plötzlich ein Schwall von Urin auszulaufen und unangenehme Flecken zu hinterlassen. Schon drei, vier Milliliter reichen aus, dass jeder das Malheur auf der Hose oder auf dem Rock sehen kann. Und riechen. Denn schon nach kurzer Zeit beginnt Urin zu oxidieren. Aus der sterilen Flüssigkeit, sagt ein Betroffener, »wird dann eine stinkende Brühe«. Gründe genug für viele Inkontinente, Unternehmungen und Treffen mit Freunden immer mehr einzuschränken und sich bald nur noch in den eigenen vier Wänden zu verkriechen.

Schon Husten und Treppensteigen werden im Alltag zum Problem

Statt kompetenten Rat zu suchen, behilft man sich mit provisorischen Mitteln. Frauen, die die Wechseljahre längst hinter sich haben, greifen wieder zu Damenbinden, obwohl diese den Uringeruch nicht neutralisieren können. Männer schicken ihre Frauen vor oder erzählen dem Apotheker von der Schwiegermutter, für die sie spezielle Inkontinenzvorlagen besorgen müssen. Andere kaufen sich Babywindeln oder legen sich einfach ein paar Lappen in die Hose – in der Hoffnung, dass das schon reichen wird.

Was viele der Inkontinenzpatienten nicht wissen: Mit ihrem Schweigen machen sie sich das Leben nicht nur unnötig schwer. Durch falsche Schonung oder ständiges Zur-Toilette-Gehen setzen sie auch einen Teufelskreis aus Leiden und Verschlimmerung in Gang. »Wenn man sich dagegen frühzeitig mit dem Problem auseinander setzt, ist Harninkontinenz fast immer vermeidbar«, sagt der Vorsitzende der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft Klaus-Peter Jünemann. BILD Normalerweise stützen die Muskeln des Beckenbodens die Harnröhre (4) und pressen die Öffnung zu. Ist die Muskulatur geschwächt, kann der Schließmuskel allein dem Druck aus dem Bauchraum nicht mehr standhalten; Urin tritt aus.

Inzwischen stehen Ärzten nämlich zahlreiche Therapien zur Verfügung, mit denen sich Blasenschwäche sowohl schonend als auch meist ohne großen Aufwand behandeln lässt. »Patienten sollten daher nicht gleich am Anfang zu Vorlagen oder Windeln greifen, sondern erst dann, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind«, sagt Hundertmark.

Maßgebend für den Erfolg der Behandlung ist eine gründliche Diagnose durch einen Gynäkologen oder Urologen mit großer Erfahrung auf diesem Gebiet. Experten unterscheiden bis zu acht verschiedene Formen der Inkontinenz, je nachdem, ob der Schließmuskel am Austritt der Harnröhre aus der Blase, die Blasenmuskulatur selbst oder aber die Nervenversorgung der Blase gestört sind.

Eine der zwei häufigsten Formen ist die Belastungsinkontinenz, früher auch Stressinkontinenz genannt. Sie betrifft vorwiegend das weibliche Geschlecht. Etwa die Hälfte der Frauen, die unfreiwillig Harn verlieren, leiden unter einer Belastungsinkontinenz: Schon normales Husten, Niesen, Lachen oder Treppensteigen können dazu führen, dass plötzlich Urin abgeht. In besonders schweren Fällen kann das sogar schon beim Umdrehen im Bett passieren.

Für einen gesunden Schließmuskel sind derlei Belastungen kein Problem. Denn normalerweise gibt die Beckenbodenmuskulatur, die wie ein umgedrehter Regenschirm zwischen den Beckenknochen aufgespannt ist, der Blase und den anderen Organen des unteren Bauchraums genügend Halt. Ist der Beckenboden jedoch infolge der Geburt eines Kindes, durch Operationen, Gewebeschwäche, Hormonumstellungen oder aufgrund von Übergewicht geschwächt, kann er dem Druck zu wenig entgegensetzen. Bei der Drang-Inkontinenz reagieren die Dehnungsfühler in der Blasenmuskulatur zu empfindlich (5) – zum Beispiel wegen einer Entzündung. Deshalb meldet sich die Blase schon bei 50 Milliliter Inhalt. Normalerweise hält sie problemlos 400 Milliliter aus. BILD

Ein schwacher Beckenboden ist allerdings kein Schicksal. »Mit den richtigen Strategien lassen sich die Beschwerden bei mehr als 90 Prozent der betroffenen Frauen vollkommen beheben«, sagt Sven Hundertmark. In den vergangenen Jahren ist unter Gynäkologen und Urologen die so genannte TVT-Methode regelrecht in Mode geraten. Bei dem Verfahren setzt der Arzt ein elastisches Band in den Unterleib ein, das die Harnröhre fixiert. »Doch nach der ersten Euphorie weiß man inzwischen, dass der Effekt oft nur wenige Jahre anhält und etliche Komplikationen auftreten können«, sagt der Urologe Florian May vom Klinikum Rechts der Isar in München.

In den meisten Fällen geht es auch ganz ohne Operation. Als eines der effektivsten Mittel hat sich bei vielen Frauen und Männern ein gezieltes, regelmäßiges Beckenbodentraining erwiesen – am besten unter Anleitung von speziell ausgebildeten Physiotherapeuten.

Eigentlich kann jeder Mensch seinen Beckenboden fühlen, wenn er beim Wasserlassen den Urinstahl unterbricht. Wie die Erfahrung aber zeigt, ist diese Muskelpartie vielen Betroffenen so fremd, dass sie gar nicht wissen, was sie denn nun genau anspannen sollen. Eine exzellente Unterstützung, sagt Hundertmark, ist in solchen Fällen das Biofeedback. Eine kleine Sonde in der Scheide oder im Enddarm misst dabei elektronisch die Muskelkraft des Beckenbodens, leitet das Signal an einen Computer weiter und macht die körpereigenen Ströme auf einem Monitor sichtbar. Der Patient erfährt so, ob er beim Üben die richtigen Muskeln trainiert und wie stark die Anspannung ist.

»Oft sind es auch ganz simple Dinge, die schon Abhilfe schaffen«, betont die Hamburger Gynäkologin Cornelia Windscheid. Eine deutliche Gewichtsreduktion etwa, wenn überflüssige Pfunde zu sehr auf dem Beckenboden lasten. Ballaststoffreiche Ernährung, um heftiges Pressen beim Stuhlganz zu verhindern. Und regelmäßige Bewegung, um die Durchblutung und die Organversorgung insgesamt in Schwung zu halten. Sportarten wie Spazierengehen oder Radfahren sind dafür besonders geeignet, weil sie keinen großen Druck auf Bauch und Beckenboden ausüben.

Reicht das Training allein nicht aus, können Frauen auch zusätzlich ein Pessar verwenden. Mit dem meist würfelförmigen Fremdkörper, den die Frau selbst in die Scheide einführt, kann sie die Harnröhre nach oben und vorn stützen. In jedem Fall aber müssen Menschen mit Harninkontinenz darauf achten, dass sie genug trinken. Aus Angst, bald schon wieder in Bedrängnis zu geraten, machen jedoch viele von ihnen genau das Falsche: Sie trinken immer weniger und gehen ständig »vorsorglich« auf die Toilette. Auf diese Weise fördern sie nicht nur eine Darmverstopfung«, sagt Hundertmark. »Wer ein paar Jahre alle naselang Urin ablässt, trainiert seine Blase auch regelrecht klein.« Statt der 300 bis 400 Milliliter, die sich bei einem Gesunden in drei bis vier Stunden bis zum nächsten Gang auf die Toilette ohne Beschwerden in der Blase sammeln können, toleriert ein fehlkonditioniertes Organ nur noch rund 200 Milliliter Urin.

Sensoren in der Blasenwand senden falsche Signale ans Gehirn

So gesellt sich zu der Belastungsinkontinenz mit der Zeit bei einigen Betroffenen auch noch eine Dranginkontinenz. Typisches Kennzeichen dieser Form von Blasenschwäche sind Attacken von plötzlichem Harndrang, der so stark ist, dass die Betroffenen die Toilette meist nicht mehr rechtzeitig erreichen. Grund dafür ist ein Fehler in der Steuerung der Blase. Obwohl sie vielleicht gerade kurz zuvor entleert wurde, melden Dehnungsfühler in der Blasenwand fälschlicherweise an die Steuerzentren in Gehirn und Rückenmark: »Die Blase ist gefüllt.« Die Muskulatur der Blasenwand beginnt sich daraufhin zusammenzuziehen, bis sich der Drang zum Wasserlassen nicht mehr beherrschen lässt.

Es gibt noch viele andere Ursachen für eine Dranginkontinenz. Vor kurzem geriet zum Beispiel die ohnehin umstrittene Hormonersatztherapie in den Wechseljahren unter Verdacht. Die kalifornische Gynäkologin Jody Steinauer fand heraus, dass die Dranginkontinenz bereits wenige Monate nach der ersten Einnahme bestimmter Hormonpräparate zu 50 Prozent häufiger auftrat. Steinauer empfahl, Frauen auf dieses Risiko hinzuweisen. Bei Männern kann eine Vergrößerung der Prostata ebenso zur Inkontinenz führen wie wiederholte Blasenentzündungen, ein Steinleiden oder aber antidepressiv wirkende Medikamente, weil diese häufig auch die Muskulatur der Blase beeinflussen. In der Tat sind es hauptsächlich Männer, die von dieser Form der Inkontinenz betroffen sind. Und um erfolgreich therapieren zu können, ist es sehr wichtig, zunächst die Grunderkrankung zu behandeln.

Darüber hinaus können Patienten selbst viel dazu beitragen, ihr Leiden in den Griff zu bekommen. Als eine der erfolgreichsten Strategien hat sich ein gezieltes Toilettentraining erwiesen. Nach einem genauen Zeitplan und in Absprache mit dem Arzt gewöhnt der Betroffene die Blasenmuskulatur daran, sich nur noch zu bestimmten Tageszeiten zu entleeren und den Drang zwischen diesen Zeiten zu »vergessen«. Tatsächlich gelingt es vielen Inkontinenten damit, nach und nach die Harndranganfälle zu reduzieren und die Abstände zwischen den Toilettenbesuchen allmählich zu vergrößern.

Je nach Diagnose sind manchmal aber auch zusätzlich Medikamente nötig. Seit einigen Jahren sind mehrere Präparate auf dem Markt, die die Reizweiterleitung von Nerven in der Blasenwand dämpfen und so sehr wirksam verhindern, dass sie sich frühzeitig zusammenzieht. Bei immerhin 80 bis 90 Prozent der Patienten mit Dranginkontinenz führt das Blasentraining allein oder in Kombination mit Medikamenten zum Erfolg.

Auf ähnliche Quoten hoffen auch die Pharmafirmen Lilly und Boehringer Ingelheim. Als Erste haben sie im vergangenen Herbst ein Präparat gegen die Belastungsinkontinenz auf den Markt gebracht. Der Wirkstoff greift in die neuronale Steuerung des Muskels ein, der die Blase am Übergang zur Harnröhre verschließt und von Medizinern Rhabdosphinkter genannt wird.

Wie gut sich das Mittel in der Therapie behaupten wird, ist offen. Zwar dürfte die Anzahl der potenziellen Abnehmer mit dem steigenden Altersdurchschnitt der Bevölkerung weiter wachsen. Doch wie alle Arzneien gegen Dranginkontinenz kann auch die neue Lilly-Pille Nebenwirkungen haben: Übelkeit, trockener Mund, Müdigkeit, Schlaflosigkeit und Obstipation. Zudem können viele Patienten, die das Mittel nehmen, nach wie vor nicht ganz auf Inkontinenzvorlagen verzichten.

Größere Hoffnungen setzen Experten auf eine neue Zelltherapie, die der Urologe Hannes Strasser und der Radiologe Ferdinand Frauscher von der Universitätsklinik Innsbruck inzwischen bei mehr als 130 Patienten mit erstaunlichem Erfolg erprobt haben. Dafür entnehmen die Ärzte den Patienten unter lokaler Betäubung ein kleines Stückchen Muskelgewebe aus dem Oberarm. Im Labor werden die darin enthaltenen Muskel- und Bindegewebszellen isoliert und um ein Vielfaches vermehrt.

Vier bis sechs Wochen später sind die Zellen bereit für den Rücktransfer: Mit einem 18 Zentimeter langen Injektionsgerät, in dem eine speziell für diesen Zweck konstruierte Ultraschallsonde steckt, werden sie nun millimetergenau und kreisförmig in den Rhabdosphinkter gespritzt. Dort sollen die Zellen den Muskel, der die Blase an ihrem Übergang zur Harnröhre normalerweise wie ein Ring verschließt, in den folgenden Wochen rekonstruieren.

Schon nach wenigen Minuten ist der Eingriff beendet – die Patienten wachen aus der Narkose auf. Von nun an heißt es für sie erst einmal: üben. Unter Anleitung eines Arztes lernen sie ihren Rhabdosphinkter zu trainieren. Zudem erhalten sie eine Elektrostimulationsbehandlung, die das Anwachsen der Zellen in den ersten drei bis vier Wochen unterstützen soll.

Zwar eignet sich die Therapie – wie alle anderen bisher verfügbaren Operationstechniken – nicht für jeden Patienten. Bei deutlichen Vernarbungen der Harnröhre nach radikaler Prostataentfernung etwa oder aber bei einer starken Senkung der Blase sind die Erfolgschancen gering.

Für den Heilerfolg spielt das Alter der Patienten kaum eine Rolle

Bei richtiger Anwendung kann sich der Erfolg jedoch sehen lassen. »Etwa 85 Prozent unserer Patienten sind nach unserer Definition geheilt. Seither nämlich können sie ganz auf Inkontinenzvorlagen verzichten«, sagt Strasser. Komplikationen oder Nebenwirkungen, versichert der Urologe, habe man bisher bei keinem der Behandelten beobachtet. Auch das Alter spiele kaum eine Rolle. »Die älteste Patientin, die wir behandelt haben, war 85 – und ruft heute noch alle paar Monate an, um zu berichten, wie zufrieden sie ist.«

Die Arbeit der Innsbrucker Forscher hat in den vergangenen Jahren nicht nur weltweit unter Experten für Furore gesorgt. Inzwischen findet Strassers Konzept auch die ersten Nachahmer. Urologen vom Münchner Klinikum Rechts der Isar haben sich bei dem Innsbrucker Mediziner in die Kunst der Zellinjektion einweisen lassen und eine Kooperation mit dem Labor gegründet, in dem die Zellen gezüchtet werden. Seither steht das Telefon in der Münchner Klinik kaum noch still.

Kontaktadressen
Selbsthilfeverband Inkontinenz e.V.
Geschäftsstelle Augsburg
Bahnhofstraße 14
D-86150 Augsburg
Tel.: 0821/31983790
Fax: 0821/31983791

Initiative Blasenschwäche
Hotline: 01805 / 38 03 81 (0,12 Euro/Min.)
Mo - Do 9.00 - 18.00 Uhr
Fr 9.00 - 16.00 Uhr

Bücher
„Beckenbodengymnastik für sie und ihn“.
Von Heike Höfler, Verlag: BLV; 3. Auflage; broschiert; 95 Seiten; Erscheinungsdatum: Januar 2003; Preis: Euro 12,95 ISBN: 340516477X

„Die Harninkontinenz beim Mann“
von Wolfgang Ide und Winfried Vahlensieck. Verlag: Pflaum; broschiert; Erscheinungsdatum: Januar 2002; 2. Auflage; Preis: Euro 22,- ISBN: 3790508721