philosophie Die Entdeckung des Historischen
Das Hauptwerk des Philosophen Eric Voegelin »Ordnung und Geschichte« liegt jetzt in einer zehnbändigen deutschen Gesamtausgabe vor
Mittlerweile gehört es nicht mehr zum guten Ton, von Eric Voegelin nichts zu wissen. Die Wahrnehmung seiner Arbeiten hat sich seit der Jahrhundertwende stetig gesteigert. Nicht zuletzt die deutsche Übersetzung seines Opus magnum hat zu dieser erfreulichen Entwicklung beigetragen. Es ist nicht nur das Verdienst der Herausgeber Peter J. Opitz und Dietmar Herz, das Hauptwerk des unkonventionellen Wissenschaftlers überhaupt in dessen Muttersprache übertragen zu haben, sondern auch die erheblich – im Vergleich zur fünfbändigen amerikanischen Ausgabe – umfangreichere deutsche Textfassung über zehn handliche Bücher verteilt zu haben, ohne dass der Zusammenhang des Gesamtwerkes aufgelöst worden wäre. Als besonders klug erweist sich die Entscheidung, für die einzelnen Teilbände eigens Herausgeber eingesetzt zu haben, die in ihren Nachworten die Beziehung zum Gesamtwerk wie zum gegenwärtigen Forschungsstand herstellen.
Als besonders gelungenes Beispiel lässt sich Band I Die kosmologischen Reiche des alten Orients – Mesopotamien und Ägypten nennen. Hier imponiert einer der Stars der deutschen und internationalen Kulturwissenschaft, der Ägyptologe Jan Assmann, durch sein sensibles Verständnis und seine weit ausgreifende Interpretation von Voegelins Alt-Ägypten-Kapitel. Assmann teilt keineswegs alle theoretischen Annahmen Voegelins, er macht auch auf dessen Fehlinterpretationen der Quellen und Datierungen aufmerksam, die durch die neuesten Forschungen aufgehoben worden seien, bescheinigt ihm aber eine faszinierende Einfühlungsgabe in die Mentalität kosmologischer Mythen und Reiche. Die weltgeschichtliche Relevanz der ägyptischen Kosmosdeutung und -symbolisierung, ihre Aktualität für jede Philosophie der Geschichte des Menschengeschlechts, kurz: die universale Dringlichkeit Alt-Ägyptens scheint Assmann erst so recht nach der Lektüre des ersten Bandes von Order and History, Israel and Revelation aufgegangen zu sein. Sein wohl bestes Buch, Ägypten – eine Sinngeschichte (1996), lebt von Einsichten, die er Voegelin verdankt. Das von ideologischen Scheuklappen freie Verständnis des sehr viel jüngeren Ägyptologen für die philosophiehistorische Verwendung altägyptischen Quellenmaterials durch den 1901 geborenen Geisteswissenschaftler, die Art und Weise, wie er dessen theoretische Annahmen und dessen Lesarten repräsentativer Texte in seinen beiden Nachworten überprüft, abwägt, mal kritisch distanzierend, mal freudig zustimmend beurteilt, gehört zum Besten, was man sich von interdisziplinärer Begegnung wünschen kann.
Die beiden soeben erschienenen Teilbände Israel und die Offenbarung: die Geburt der Geschichte und Israel und Offenbarung: Moses und die Propheten, jeweils von Friedhelm Hartenstein und Jörg Jeremias herausgegeben, beschließen die dreijährige Publikationsphase des Übersetzungsunternehmens. In deren Buchdeckeln verbirgt sich brisanter Inhalt, der nicht nur Theologen und Bibelexegeten auf den Plan rufen sollte. Für die kirchlich Orientierten muss der ganze von modernen erkenntnistheoretischen und exegetischen Methoden geprägte Text wie ein freigeistiger Generalangriff auf die tradierte und geglaubte Offenbarung anmuten. Bei Juden, das war schon beim Erscheinen der amerikanischen Publikation 1956 bemerkbar, stellt sich der Verdacht ein, hier propagiere einer die praeparatio evangelica, also die reine Vorbereitung- und Vorläuferrolle des Alten auf das Neue Testament.
Der Philosoph Hans Jonas empfand schon in den fünfziger Jahren ein gewisses Gruseln bei der Lektüre des in Amerika erschienenen Buches, wiewohl er Voegelins »stupendes Wissen« und interpretatorische »Genialität« durchaus zu schätzen wusste. Kurz: Diese beiden Bände verdienen eine lebhafte Diskussion der Experten wie der intellektuellen Öffentlichkeit. Vor allem die Interpretationen zu Moses und den Propheten, die Behauptung Voegelins, er rekonstruiere die Erfahrungen und Symbole dieser Repräsentanten Israels so unmittelbar wie möglich, muss den akademischen Dissens entfachen.
Voegelin will Staatslehre als Geisteswissenschaft auffassen
Die ganze Arbeit von Ordnung und Geschichte, um ein Motiv zu nennen, versteht sich als Antwort auf die Fragen, die Werke wie Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes (1918–1922), Arnold J. Toynbees Der Gang der Weltgeschichte (englisch: A Study of History, 12 Bände, 1934–1961) und Karl Jaspers’ Vom Ursprung und Ziel der Geschichte (1949) aufgeworfen haben, weil sie theoretisch nicht vollauf überzeugend angelegt waren. Daneben haben auf Voegelin Hegels Philosophie der Geschichte, Kants geschichtsphilosophische Traktate, Schillers universalhistorische Gedanken genauso wie Max Webers Aufsätze zur Religionssoziologie als ständige theoretische Herausforderungen gewirkt. Wie aber kommt ein Wiener Staatsrechtslehrer dazu, – den es nach der Emigration in die USA 1938 an die kaum bekannte Universität von Baton Rouge/Louisiana verschlagen hatte –, ein derart gewaltiges Thema in Angriff zu nehmen?
Der Herausgeber Peter J. Opitz hat dazu im ersten Band von Ordnung und Geschichte einen informationsgesättigten Essay zur Entstehungsgeschichte des Unternehmens geschrieben. Schon dessen Titel Vom »System der Staatslehre« zur »Philosophie der Politik und der Geschichte« weist die Richtung. Nachdem sich Voegelin in den dreißiger Jahren um eine »Staatslehre als Geisteswissenschaft« bemüht hatte und sich dann in den USA in ein nie abgeschlossenes und erst posthum veröffentlichtes Mammutunternehmen, genannt History of Political Ideas, gestürzt hatte, fand er endlich in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre die zunächst für ihn hinreichende Form, um die drei Bände Israel and Revelation (veröffentlicht 1956, umfasst in der deutschen Übersetzung die Bände 1 bis 3), The World of the Polis « (1957, deutsche Übersetzung: Band 4 und 5) und Plato and Aristoteles (1957, deutsche Übersetzung: Band 6 und 7) erscheinen zu lassen.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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