SCHACH Nicht sehr damenhaft
Die Schachspielerin Jennifer Shahade hat ein böses Buch über den von Männern dominierten Denksport verfasst
Schon als Teenager zog Jennifer Shahade gern durch die New Yorker Parks und gewann gegen ungläubige Männer beim Freiluftschach. Das brachte ihr schnelles Geld und großen Respekt in der Männerwelt des Schachsports – diese Rolle hat sie bis heute behalten. Mittlerweile ist sie 24 Jahre alt, gewann im vergangenen Jahr die amerikanischen Schachmeisterschaften und veröffentlichte kürzlich ein Buch über das Thema ihres Lebens: . Darin erzählt Shahade, wie Frauen versuchen, sich in diesem von Männern dominierten Denksport durchzusetzen, und wie die Geschlechterbilder im Schach gesellschaftliche Rollenverteilungen spiegeln. Shahade reist um die Welt und tritt bei Turnieren in Armenien, China und im kalmückischen Elista an. Nachts zieht sie mit anderen Spielerinnen durch die Bars – Chess and the City. Innerhalb der Schachwelt werden sie wie Popstars gefeiert, dabei wollen sie gar nicht als »Mädchen am Schachbrett«, sondern für ihr gutes Spiel bewundert werden. So müssen sie sich immer wieder gegen Sexismus zur Wehr setzen.
Unvergessen der russische Trainer, der meinte, generell könnten Frauen zwar passabel Schach spielen – nur zu einer gewissen Zeit im Monat, da sollten sie es lieber bleiben lassen. Der Trainer empfahl ihr ein Computerprogramm, mit dem sich errechnen lasse, wie der Zyklus ihr Schachspiel beeinflusse. Die Physis von Spielerinnen, schreibt Shahade, werde in den Medien immer wieder hervorgehoben, dabei schreibe doch auch niemand über »die Schwanzgröße Garri Kasparows«, des größten Schachstars der Gegenwart. Shahade liebt es, sich deutlich auszudrücken.
Gerade ist Shahade von Brooklyn nach Manhattan gezogen. Wie viele Schachbretter in ihrer Sichtweite liegen? »Ach, da liegt nur ein Taschenschachspiel rum«, sagt sie. »Ich habe einen schönen Schachtisch, den muss ich noch in die neue Wohnung holen.« Momentan spielt Shahade aber nicht einmal mehr täglich, dafür macht ihr das Schreiben zu viel Spaß. Chess Bitch plante sie strategisch wie eine Schachpartie, führte Interviews, wann immer sie zu Turnieren reiste. Gerade die Lebensgeschichten von Spielerinnen aus Ländern wie Iran oder Georgien sollen Frauen inspirieren, selbst Schach zu spielen. »Es ist ein wunderbarer Weg, zu einer Frau zu werden, die weiß, was sie will«, sagt Jennifer Shahade – das sei es, was sie unter einer Chess Bitch, einem Schachluder, verstehe.
Auch Shahade kann nicht endgültig klären, warum es Frauen im Schach selten so weit bringen wie Männer. Liegt es daran, dass weniger Frauen spielen? Von den beim Weltschachverband FIDE registrierten Spielern sind nur sechs Prozent weiblich. Bleibt die Frage nach dem Schachstil von Männern und Frauen. Spielt man etwa frühe Partien der Ungarin Judit Polgar nach, fällt der aggressive Stil auf, mit dem die momentan beste Spielerin der Welt ihre Gegner oft in weniger als 30 Zügen vom Brett fegte. Dieses aggressive Schach scheint ein Reflex auf vorherrschende Geschlechterbilder zu sein: Polgar orientierte sich an der vermeintlich männlichen Tugend Angriffslust, weil sie sich in einer Männerwelt durchsetzen musste.
Man erfährt in Chess Bitch erstaunlich weltliche Dinge, die in Schachbüchern oft ausgeklammert werden. Der Großmeister Alexander Schabalow erklärt etwa, was den meisten Männern während einer Schachpartie durch den Kopf gehe: »Bis zu 75 Prozent meiner Bedenkzeit verbrauche ich für Gedanken an Sex, 15 Prozent für Zeitmanagement, und während der restlichen Zeit rechne ich. Wenn ich nur zu 50 Prozent an Sex denke, spiele ich großartig, gefährlich wird’s, wenn ich die 90-Prozent-Marke erreiche.« Shahade hat genug Humor, darüber zu lachen. Und vielleicht muss man das Schachbrett auch nicht als Manifestationsstätte für Geschlechterunterschiede, sondern als demokratischen Ort zu betrachten, an dem sich Frauen und Männer gleichberechtigt messen. Die Dame ist zwar die mächtigste Figur im Schach, aber ohne den König kann sie nicht existieren.
Christian Kortmann
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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