Das Wild, das ich jage, das ist der Tod
Was passiert, wenn der Körper vor der Kunst kapituliert? Abgang? Schluss? Eine Erzählung
Lass uns nicht abends die Lieder hören«, bat ich Nelly, »komm morgen früh um neun Uhr, geht das?« – »Was mich betrifft, ja«, erwiderte sie mit leiser Warnung in der Stimme und ging. Wir hatten vor, von ungefähr tausend Liedern Robert Schumanns und Franz Schuberts dreißig, höchstens fünfunddreißig auszuwählen, um mit ihnen eine »Oper für Klavier« zu erfinden, zu der ich vermessenerweise das Libretto schreiben wollte: über eine Begegnung der zwei Komponisten, die sich in der Wirklichkeit nie getroffen hatten. Aber Schumann hatte dafür gesorgt, dass die Schuberts posthum in Leipzig uraufgeführt wurde, hatte sich immer wieder in seiner mit Schuberts Werk auseinander gesetzt und noch kurz vor seinem eigenen Tod in der Nervenheilanstalt gemeint, er, Schubert, habe ihm das Thema zu den Variationen in Es-Dur aus dem Jenseits geschickt.
»Fangen wir mit Schubert an«, begrüßte ich Nelly und legte mich ausgestreckt auf den Teppich, um ganz den weichen Waldboden zu spüren und den Einfall des Lichts zu beobachten, der jetzt, nachdem ich die hohen Buchen erreicht hatte, die Stämme silbrig aufglühen und die Reste des Taus auf dem Sternmoos und in den Spinnennetzen schimmern ließ, ehe er auf mein Gesicht fiel, ich die Augen schließen musste und in mich sah wie in eine mit duftendem Heu ausgepolsterte Höhle, in der Hunderte Mäuse pfiffen und turnten, so jung fühlte ich mich.
Seit mindestens drei Jahren begannen meine Füße immer wieder anzuschwellen, ich meine, das Leben auf der unverhältnismäßig kleinen Fläche schien nicht mehr mit der vorgegebenen Form auszukommen. Es suchte einen anderen Verlauf, den ich beiseite zu schieben versuchte, denn übersehen konnte ich ihn nicht, weil ich ja doch des Öfteren mich vorsehen, auf die Erde blicken musste, da der Himmel, die Euphorie, trotz der Musik und der Dichtung, häufig verhangen oder durch jagende Wolken bedroht war und ich die Erschöpfung nicht mit Ruhe auslotete, sondern mit den eingebürgerten Giften Alkohol und Zigaretten verdrängte, was auch teilweise gelang, vor allem, weil der Umgang mit den Toten so lebendig war, dass er das Tote lebensgefährlich anziehend machte. Und was ist nicht alles tot, bevor man es liest, sieht oder hört?! Selbst Elfriede Jelinek ist tot, bevor man mit ihr spielt.
Geschmeidig und um eine Spur lüstern, griff sich das Lied unbeirrt den Raum
Die Leichenfäule stieg an diesem Novembermorgen derartig betörend auf, dass ich sie mit weit geöffnetem Mund einsog, aber auch Nelly, überaus gesund und fünfunddreißig Jahre jünger als ich, verfiel ihr völlig. Ich glaube, es war Schuberts Lied Die liebe Farbe, das mich allmählich zu Dehnungen und Streckungen des Körpers zwang, als müsste ich unter dem Teppich etwas suchen, das nicht länger verborgen werden sollte. Gut, dass Elisabeth beim Friseur war! Es hätte ihr gar nicht gefallen, wie ich ihre Perserbrücken behandelte, die meine Mutter einst verächtlich »die Lappen« nannte, was schon zu genug Ärgernissen geführt hatte.
In h-Moll geschrieben, mit dem Zusatz »etwas langsam«, griff sich das Lied, geschmeidig und um eine winzige Spur lüstern, unbeirrt den Raum. Wie eine Echse. Wohl bemerkt, nicht wie eine Schlange, weil die klammernden Füße wichtig waren. Wie eine Echse, kühl und doch züngelnd, um nach der Strophe »Wohlauf zum fröhlichen Jagen« unter einem Stein zu verschwinden und nichts zurückzulassen als die Hitze auf der blanken Fläche und die Ankündigung »Das Wild, das ich jage, das ist der Tod«, was mich sofort daran denken ließ, dass ich doch vielleicht recht daran getan hatte, den Bühnenboden mit weißen Blättern aus Ahorn, Buche und Linde wie mit einem Leichentuch zu bedecken und Daniel anzuregen, darunter auf Holz Bilder zu malen, die Rudimente männlicher und weiblicher Körper zeigten und gleichzeitig auch Gestirne, Himmelskörper sein könnten, die sich verzerrt widerspiegelten.
Als ich 1989 in Paris einen Film drehte, Das blinde Ohr der Oper, hatte ich kein Drehbuch, sondern benutzte alle Möglichkeitenn neben der Uraufführung meiner Inszenierung von York Höllers Meister und Margarita an der Opéra Garnier, mir das Material zu beschaffen. Ich war derartig besessen, dass ich die Sänger überredete, im Jardin du Luxembourg, also im Freien, trotz heftigen Regens über Stunden an ein riesiges Rad gebunden – das simulieren sollte, sie flögen –, Szenen zu spielen, deren Anschlüsse mir völlig unbekannt waren. Erst als die Gendarmerie uns in einen Lastwagen lud und zur Wache fuhr – wir hatten keine Drehgenehmigung – hörte der Spuk auf, aber keiner erkältete sich. Zu Hause schrieb ich nach den scheinbar willkürlich aufgenommenen Sequenzen das Drehbuch, das eine genau nachvollziehbare Geschichte vermittelte. Ich war sehr glücklich.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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