entführung »Leider ist es ein sinnloses Risiko«

Warum Ausländer den Irak meiden sollten. Ein Gespräch mit der entführten und später befreiten Journalistin Giuliana Sgrena über ihre Erfahrungen mit der Geiselhaft

Ist es Ihnen zuzumuten, über die Entführung von Susanne Osthoff zu sprechen?

Giuliana Sgrena: Für mich bricht der ganze Schmerz noch einmal auf. Aber ich kann vielleicht ein wenig helfen. Seitdem ich selbst befreit worden bin, werde ich von Angehörigen anderer Opfer kontaktiert. Und schon die Mitteilung, dass ich physisch nicht malträtiert worden bin, ist ein kleiner Trost.

ZEIT: Woran haben Sie als Erstes gedacht, als Sie die neue Hiobsbotschaft erreichte?

Anzeige

Sgrena: Mein erster Gedanke war: Warum gerade eine Deutsche? Die Deutschen haben sich doch aus dem Konflikt herausgehalten. Meine Entführer haben sich als sehr politisch herausgestellt. Sie waren über jeden Wechsel in Europa gut informiert und verfolgten über Satellit die ausländischen Informationssendungen. Ich würde nicht ausschließen, dass es einen Zusammenhang mit dem Regierungswechsel bei Ihnen gibt.

ZEIT: Sind diese Gruppen genauso gefährlich für ihre Opfer wie gewöhnliche Kriminelle?

Sgrena: Meiner Meinung nach sind sie weniger gefährlich. Denn wenn es gewöhnliche Kriminelle sind, zählt für sie nur das Lösegeld, das Leben aber sehr wenig. Wenn es Terroristen vom Schlage al-Sarqawis sind, haben sie schon so viele Menschen getötet, dass ein Mord mehr oder weniger auch keinen Unterschied macht. Politischere Gruppen sind Verhandlungen gegenüber aufgeschlossener. Da gibt es etwas mehr Spielraum, um die Geisel zu befreien.

ZEIT: Was passiert mit den Entführten in den ersten Tagen? Was macht Angst, was Hoffnung?

Sgrena: Meine Erfahrung und auch die anderer Entführter ist, dass man am Anfang eben vor allem verstehen muss, wer einen entführt hat. Ich habe mich sehr darauf konzentriert. Aber dann gab es Phasen der Panik, weil mir meine Entführer stets unmaskiert begegneten. Da habe ich gedacht: Die wollen mich bestimmt umbringen. Am Anfang kommen sie immer mit der Verdächtigung, dass ihr Opfer ein Spion sei. Gerade dann, wenn man sich im Land besonders gut auskennt oder sogar die Sprache spricht.

ZEIT: Legen es die Entführer darauf an, ihre Opfer zu erniedrigen?

Sgrena: Ich hatte den Eindruck, sie wollten mich wie eine Gefangene behandeln. Das ist nicht komfortabel, aber es gibt offenbar so etwas wie einen Verhaltenskodex. Ich habe zum Beispiel Medikamente erhalten und auch ausreichend Essen. Ich wusste bis zuletzt nicht, was sie von mir hielten. Sie fragten mich: Bist du eine Kommunistin oder eine Christin? Ehrlich gesagt, ich wusste nicht, was in ihren Augen schlimmer ist. Ich habe so getan, als hätte ich die Frage nicht verstanden.

ZEIT: Wie darf man sich die Aufnahme des Horrorvideos vorstellen?

Sgrena: Sie wirken eher unbeholfen im Umgang mit der Technik. Irgendwann forderten sie mich auf, eine Botschaft an meinen Lebensgefährten zu formulieren. Und da ist mir bewusst geworden, dass es das erste Mal war, dass ich mich an ihn gewandt habe – und es hätte auch das letzte Mal sein können. Und dass ich ihn mit einer Verantwortung befrachtete, die er gar nicht tragen konnte. Das hat mich zerrissen.

ZEIT: Noch weigert sich das deutsche Fernsehen, Ausschnitte aus dem Video zu senden. Was halten Sie für richtig?

Sgrena: Es ist besser, das Video zu zeigen. Es hilft, eine Öffentlichkeit zu mobilisieren.

ZEIT: Auch wenn man dadurch dem Kalkül der Terroristen entgegenkommt?

Sgrena: Die Frage ist berechtigt. Aber in meinem Fall ließen sich die Menschen für Ziele mobilisieren, die meine eigenen waren, ganz sicherlich nicht die der Entführer. Man macht nur dann ihr Spiel mit, wenn man ihre Forderungen übernimmt.

ZEIT: Warum entführen sie immer wieder Menschen, die besonders friedliebend sind und sich dem irakischen Volk verbunden fühlen?

Sgrena: Das habe ich mich auch gefragt. Ein Grund ist, dass Menschen wie die beiden Simonas oder die deutsche Archäologin viel mehr Kontakt mit der Realität haben und deshalb verwundbarer sind.

ZEIT: Auch wenn sie sich im Sinne ihrer Entführer betätigt haben?

Sgrena: Diese Skrupel kennen die Entführer nicht.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 01.12.2005 um 17:13 Uhr

    Seit die Entführung von Frau Osthoff bekannt wurde, habe ich Berichte, Meinungen und vieles mehr aus unterschiedlichsten "Richtungen" gehört. Und nicht nur die Schlagzeieln der BILD sind dabei mehr als geschmacklos und einfach nur unglaublich
    Denn selbst wenn man von diesem "Blatt" nichts Großartiges erwartet, erschrickt man doch immer wieder - so wie jetzt in Zusammenhang mit der Entführung der deutschen Archäologin.
    Sind Leute, die Fragen wie "Wird sie geköpft?" stellen, eigentlich frei von jeglichen Gefühlen? Das heißt, sind sie in der Lage, jegliche Empfindung einfach mal kurz "weg zu drücken"? Scheint so, anders kann ich mir nicht erklären wie man überhaupt nur auf die Idee kommen kann, derartige Sachen auf eine Titelseite zu setzen, die von ganz Deutschland freiwillig oder eben (fast schon gezwungenermaßen) im Vorbeigehen am Kiosk wahrgenommen werden, übrigens auch von Kindern.
    Wie müssen sich die Eltern und Angehörigen von Frau Osthoff fühlen - die vermutlich ohnehin nicht wissen, wie sie überhaupt den Tag geschweige denn eine Nacht durchstehen sollen, ohne vor Angst wahnsinnig zu werden - wenn man ihnen die Frage, die sie sich sicher selbst voller Panik stellen - "schön auf der Bild" unter die Nase reibt? Das kann einfach nicht wahr sein, wirklich, da fehlen mir die Worte...
    Das gilt nicht für das Interview mit Giuliana Sgrena, das mich sehr bewegt hat, weil es einfach so voller Klarheit ist einerseits, denn diese Frau hat eine Entführung durchgemacht und glücklicherweise überlebt, unklar andererseits, weil niemand weiß, wie es für die Entführte jetzt weiter gehen wird...
    Gerade kommt im Radio, dass Frau Merkel keinesfalls Lösegeld an die Entführer zahlen wird - ehrlich gesagt wird mir angesichts dieser Nachricht schlecht. In der nächsten Sekunde ist mir klar, dass die Politik natürlich weiter denkt als ich, nicht "nachgeben" will oder kann, aber ich denke eben "nur" soweit ich komme, nämlich bis zu dieser jungen Frau, die dort sitzt und deren Gefühle wir hier in unseren kuschligen weihnachtlichen Büros sicher nicht ansatzweise nachvollziehen können. Ich hoffe nur, dass sie bald zurück nach Deutschland kommt, dass sich jetzt eine Lösung finden läßt, die diese Entführer im Irak irgendwie zufrieden stellen kann. Denn die geben bestimmt nicht nach.

    Urte Voigt

    • muli
    • 01.12.2005 um 15:59 Uhr

    Nach allem, was Frau Sgrena erlebt und überlebt hat, verstehe ich ihre Zurückhaltung nicht so recht. Müßte sie nicht viel stärker darauf drängen, daß die Video-Botschaft der Entführer auch hier der Öffentlichkeit gezeigt wird, damit eine andere Art der Betroffenheit erzielt wird als die von den Regierungsmitgliedern in Berlin gezeigte? Wenn es den Entführern tatsächlich darum geht, daß Deutschland seine wie auch immer geartete Unterstützung der von US-Gnaden abhängenden irakischen Regierung einstellt, ist das eine Forderung, über die eine öffentliche Debatte stattfinden muß. Und die sollte von keiner Seite gefürchtet werden. Das ist keinesfalls gleichzusetzen mit einer Legitimierung der gewaltsamen Entführung.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
  • Kommentare 2
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Entführung | Irak | Giovanni di Lorenzo | Essen | Europa
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service