Kleine Sterndeutung
Wolfram Siebeck blättert in den gerade erschienenen neuen Ausgaben der großen Restaurant- und Weinführer
Fast gleichzeitig sind Gault Millaus »Reiseführer für Genießer« sowie der gleichnamige rote Hotel- und Restaurantführer von Michelin erschienen. Sie sagen uns, wo wir essen dürfen, wenn der Schmackofatz vier Hauben oder einen Umweg wert sein soll. Wieder einmal treten die Unterschiede der beiden Restaurantführer deutlich zutage. Auch wenn die Urteile der beiden Guides völlig identisch wären – sie sind es nicht! –, so legte man den Gault Millau mit unterdrücktem Gähnen aus der Hand, während man im Michelin weiter nach der interessanten Adresse sucht.
Sogar die Wiederaufnahme des Düsseldorfer Schiffchens in die Gruppe der 18-Punkte-Küchen wird, trotz der jahrelangen Fehde zwischen Gault Millau und Jean-Claude Bourgueil, nicht sonderlich begründet. Was dort beschrieben steht, hätte auch vor Jahren schon gegolten. Es mag nicht gravierend sein, wenn von nahezu 890 Seiten des Gault Millau die ersten zehn den Favoriten des Jahres gewidmet sind. (Aufsteiger des, Sommelier des, Sonderehrung des Jahres). Da diese Bestenliste in keinem Jahr ausgelassen wird, stellt sich aber zwangsläufig ein Mangel an Nachwuchs ein. Namen, die man nicht vergessen wird, weil man sie erst gar nicht behält, verdünnen das Renommee, das darin besteht, hier herausgestellt zu werden.
Darüber hinaus muss man anerkennen, dass die Benotungen den allgemeinen Erkenntnissen nicht krass zuwiderlaufen. Im unteren Bereich wird manchmal zu milde geurteilt, und die Abspaltung von drei Spitzenköchen in eine 19,5-Punkte-Kategorie (Schwarzwaldstube, Baiersbronn; Waldhotel Sonnora, Wittlich; Restaurant Dieter Müller, Bergisch Gladbach) wirkt ebenso prätentiös wie überflüssig. Vollste Zustimmung aber für die drei Spalten, die der Gault Millau dem Kölner Restaurant Le Moisonnier widmet. Dieses scheinbare Bistro ist eines der besten Restaurants Deutschlands. Da kann sich der Kritiker drehen und wenden, wie er will, so er seine Sinne beieinander hat, muss er in erleichterten Jubel ausbrechen, weil hier von Vincent Moisonnier und Eric Menchon eine Küche von großer Modernität und Delikatesse praktiziert wird, die einen für all den aufgeblasenen Kokolores und die Zeremonien der Starköche entschädigt.
Bei der anderen Publikation von Gault Millau, dem Weinführer Deutschland 2006, überwiegt ebenfalls das Positive. Zu bedauern ist lediglich die Feststellung, dass Spitzenrieslinge nicht selten auch nur für Spitzenpreise in den Handel kommen (was ja nicht ungerecht klingt). Aber 75 Euro für einen trockenen Riesling (Keller, Rheinhessen), das ist alarmierend. Denn zweifellos werden andere Winzer diesem Beispiel folgen. Als Trost für den Leser veröffentlichen die Herausgeber eine zweiseitige »Schnäppchenliste«. Das ist jedenfalls etwas!
Angeführt wird die Riege der besten Weinproduzenten wie seit Jahren von den Gütern Fritz Haag, Dr. Loosen, Egon Müller und J. J. Prüm, was verrät, dass die Tester dem natürlich süßen Weißwein von Mosel-Saar-Ruwer den Vorzug geben. Sei’s drum! Rassige Rieslinge gibt es genügend, auch in der Spitzengruppe, und wer bei den Weißweinen immer noch auf nichtssagende Ausländer zurückgreift, hat diesen Weinguide wohl nicht bei der Hand.
Das rote Buch von Michelin erscheint seit 1900 und nimmt, wie der Spiegel vor Focus, den ersten Platz bei den Guides ein. Er kann sogar mit einer Sensation aufwarten: Wir haben einen neuen Drei-Sterne-Koch in Deutschland! Er heißt Christian Bau und kocht im Schloss Berg im Saarland, in Perl, Ortsteil Nennig. Ich kenne Baus großartiges Kochbuch, und deshalb wundert mich die Bewertung nicht, leider aber liegt Perl so abseits meiner üblichen Routen, dass ich Baus Küche bisher nicht kenne.
Ich kenne hingegen die Berliner Köche und finde es richtig, dass René Conrad (Restaurant Vivo im Grand Hotel Esplanade) und Christian Lohse (Restaurant Fischers Fritz im Hotel The Regent) einen Stern bekommen haben. Jetzt fehlt nur noch Thomas Kellermann vom Restaurant Vitrum im Hotel Ritz-Carlton. Gefreut habe ich mich auch über den neuen Stern für den Exberliner Paul Urchs. Sein total renoviertes Landhotel Der Alpenhof in Bayrischzell ist mehr als einen Umweg wert.







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