Lebensgeschichte Er predigte gegen Riten, Regeln und Autoritäten
Für seinen Vater war er eine Enttäuschung: Zu blamabel waren die Leistungen des ältesten Sohns bei den Wettkämpfen und Übungen, die junge Männer seiner gesellschaftlichen Schicht auf die militärische Laufbahn vorbereiteten. Auch entwickelte er keinerlei politische Ambitionen. Wohl kam er seinen Pflichten nach als Sohn des gewählten Regenten eines Vasallenstaates, nahm an Ratssitzungen und Gerichtsversammlungen teil und war durch tägliche Diskussionen mit politischen und juristischen Fragen vertraut. Aber begeistern konnte er sich für die Politik nie. Umso mehr beeindruckten ihn die philosophischen Gespräche der Freidenker, die außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung lebten. Sie ließen sein Dasein als beengt erscheinen. »Ich lebte verwöhnt, äußerst verwöhnt…«
Mit 16 Jahren wurde er mit einer gleichaltrigen Kusine verheiratet, zuvor musste er allerdings seinem Schwiegervater in einem Wettkampf beweisen, dass der weichliche Zivilist in der Waffenkunst seinen Mann stehen konnte. Die Ehe brachte ihn nicht von Grübeleien ab, obwohl er später sagte: »Nichts auf der Welt nimmt den Geist eines Mannes so gefangen wie eine Frau.« Als ihm 13 Jahre später ein Sohn geboren wurde, entschied er sich endgültig, seinem Ziel zu folgen, und verließ gegen den Widerstand des Vaters die Familie.
Sechs Jahre lang prüfte er verschiedene Lehren und Methoden, bis er zu dem großen Lehrer wurde, der 45 Jahre lang Menschen aller Schichten als Ratgeber diente. Dabei ging er stets von der unmittelbaren Wirklichkeit seiner Hörer aus, er fesselte sie durch Schlagfertigkeit, Einfühlungsvermögen und Vielseitigkeit: Er sprach von den Pflichten des Herrschers, den Gesetzen der Weltgeschichte, über das Verhalten in Ehe und Familie, vom richtigen Umgang mit Besitz, über die Götter und das Zähneputzen. Er setzte seine Zuhörer in Erstaunen und schockierte sie mit seinem unkonventionellen Denken. Immer wieder provozierte er sie in ihren Sichtweisen. »Richtet euch nicht nach Hörensagen und Überlieferung, der Autorität von heiligen Schriften, Spekulationen und Schlussfolgerungen, nicht nach sinnfälligen Theorien und lieb gewordenen Ideen, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber selbst erkennt, diese Dinge sind heilsam, annehmbar und führen zu Heil und Glück, dann solltet ihr sie euch zu Eigen machen.« Arthur Schopenhauer erklärte später, seine eigene Philosophie sei mit dieser identisch, der es aber weniger um die Liebe zur Weisheit ging als um unmittelbare Erfahrungen, die zur Befreiung führen sollen.
Zwei Könige bekannten sich zu seiner Lehre und förderten ihn, ein berühmter Räuber wurde sein Anhänger, scharenweise liefen die Menschen ihm zu. Die Angst, er würde ganze Ortschaften entvölkern, entlud sich in einem Spottlied: »Wen wird er jetzt entführen, wer ist als Nächster dran?« Mit einem Gegenlied brachte er die Kritiker zum Schweigen: »Wer ist wohl neidisch auf den Weisen, der mittels Wahrheit führen kann?« Im Alter litt er unter Rückenschmerzen, musste sich bei seinen Reden anlehnen, manchmal sogar hinlegen und einen seiner Jünger weiterreden lassen. Seine Berühmtheit wurde ihm zunehmend lästig, vor allem, wenn er als Festredner auftreten musste. Mit 80 Jahren erkrankte er nach der Mahlzeit bei einem seiner Anhänger an der Ruhr und starb, nachdem er sich von seinen Anhängern verabschiedet hatte. Sich selbst beschrieb er so: »In diesem sechs Fuß hohen Leib mit seinem Wahrnehmen und Bewusstsein sind die Welt, das Entstehen der Welt, das Ende der Welt und der Pfad, der zum Ende der Welt führt, enthalten.«
Wer war’s?
Wolfgang Müller
Auflösung aus Nr. 48:
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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