Universität Lederner Stockfisch
Wie die Göttinger Universität ihren guten Ruf verspielt
Niemand hat die Universität Göttingen literarisch so liebevoll misshandelt wie ihr ehemaliger Student Heinrich Heine. Ihre akademischen Gerichte, schrieb er in der "Harzreise", schmeckten wie salzlose lederne Stockfische mit altem Kohl. Die Stadt selbst »gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht«. Von heute aus betrachtet, ist das sehr ungerecht, denn die Georg-August-Universität zählt zu den Berühmtheiten im Land. Weil das so bleiben soll, sucht sie neue Wege zu künftigem Ruhm. Sie will, was alle wollen. Sie will noch origineller, kreativer, innovativer, flexibler, mobiler und sichtbarer werden. Sie will Fächer verlöten (»Cluster bilden«) und »Struktur-Optimierungsmaßnahmen« einleiten.
Wer bislang darüber rätselte, was sich hinter dem Reform-Abrakadabra verbirgt, der weiß es nun: Das politikwissenschaftliche Institut, eines der ältesten in Deutschland, soll auf Zwergengröße geschrumpft, also faktisch zerschlagen werden. Die Göttinger Politologie, so ließ sich Uni-Präsident Kurt von Figura nach Absprache mit der Landesregierung vernehmen, sei nicht »entwicklungsfähig«, weil sie aus nicht vernetzbaren Einzelforschern bestehe. Das Institut sei eine »Schwachstelle« und müsse »ausgemerzt« werden.
Nun werden in dieser Gelehrtenrepublik überall Institute innovativ zersägt oder flexibel in nichts aufgelöst. Allein, in der Göttinger »Schwachstelle« arbeiten mit dem Orientalisten Bassam Tibi und den Parteienforschern Peter Lösche und Franz Walter Professoren, deren Reputation auch einem fachfremden Präsidenten ein Mindestmaß an semantischem Anstand abverlangen sollte. Alle drei beherrschen zudem einen seltenen Spagat. Sie sind sowohl ausgezeichnete Fachwissenschaftler wie auch öffentliche Intellektuelle. Oder um selbst optimierten Exzellenzexperten verständlich zu bleiben: Sie machen ihre Universität »sichtbar«. Es gibt kaum eine Sprache, in die Bassam Tibis 25 Bücher noch nicht übersetzt wurden.
Nun hat der Biochemiker Kurt von Figura Bassam Tibi zu verstehen gegeben, seine Bücher würden ihn nicht sonderlich beeindrucken. Für den Präsidenten einer im aufklärerischen Geist gegründeten Universität ist das eine bemerkenswerte Haltung und gibt zu Motivforschung Anlass. Warum der Amoklauf (»ausmerzen«) gegen renommierte Forscher? Oder ist ein so brillanter Kopf wie Franz Walter der CDU-Landesregierung politisch ein Dorn im Auge?
Dies jedenfalls pfeifen die Spatzen von den Dächern. Doch selbst wenn es so wäre, bliebe die Göttinger Abwicklung ein Rätsel. Eine Universität ist autonom; niemand kann sie zu einem evidenten Akt der Selbstschädigung zwingen. Sicher ist nur, dass des Präsidenten Maßlosigkeit Wasser auf die Mühlen derer ist, die in der Selbstherrlichkeit, mit der einige Naturwissenschaftler den Geisteswissenschaften gegenübertreten, einen darwinistischen Unterstrom vermuten. Am Ende bekäme Heine Recht. »Göttingen ist bekannt für seine Würste und seine Universität«. Thomas Assheuer
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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... ist vor allem eine Krise ihres Selbstbewusstseins - schreibt sicherlich zu Recht Andreas Sentker in http://www.zeit.de/2005/4.... Und zur Hochschulpolitik gehört nicht nur das Rechnen sondern auch die wissenschaftstheoretisch fundierte Prioritätensetzung. ließe man Naturwissenschaftler einmal die Wissenschaftlichkeit ihrer Fächer erörtern, stellten auch die Geisteswissenschaftsverächter unter ihnen wahrscheinlich fest, dass es ohne die anderen nicht geht. Beide Wissenschaftsbereiche sind in ihrer Verschiedenheit aufeinander bezogen zu betreiben und sollten - auch im Rahmen der Staats- und der Drittmittel-Vergabe - zur Bezogenheit aufeinander verpflichtet sein.
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