Bionik Kleben wie der Gecko

In den Zehen der kleinen Reptilien steckt enorme Haftkraft. Forscher wollen sie auch für Menschen nutzbar machen

Warum findet man Spinnen in der Badewanne? Klar: Neugier und Hunger locken sie rein, und dann kommen sie nicht wieder raus. Sie rutschen an der glatten Wannenwand ab. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt nämlich jede Menge Spinnen, die man nie in der Badewanne findet: Jagd- oder Springspinnen. Die bauen keine Netze, sondern fallen über die Beute her. Fällt eine solche Spinne in die Wanne, klettert sie wie Spiderman wieder raus. Egal wie glatt der Untergrund ist. Sie wandert auch mühelos über Fensterscheiben und sogar auf glatten Flächen kopfunter. Wie macht sie das? Was hat sie ihrer netzbauenden Verwandtschaft voraus?

Am Anfang jeder guten Wissenschaft steht das Staunen. Bionik, die Disziplin, die sich mit dem Wissenstransfer von der Biologie zur Technik befasst, ist wohl eine besonders gute Wissenschaft, da ihr zentrales Motiv das Staunen über die Leistungen der Natur ist. Damals, vor vier Jahren, staunte Antonia Kesel, Zoologin und Inhaberin des Lehrstuhls für Bionik an der Hochschule Bremen, über die Fähigkeiten von Evarcha arcuata. Die Springspinne »klebt« an Fensterglas und anderen glatten Oberflächen, und zwar ohne sich ihrer Kernkompetenz zu bedienen: der Produktion von Flüssigkeiten (man denke an den Spinnfaden).

Anzeige

Fliegen, das ist bekannt, sondern durch die »Fußsohlen« einen Klebstoff ab, der sie selbst bei Tempo 30 noch außen an der Windschutzscheibe hält. Doch Spinnen kleben trockenen Fußes. Unter einem Rasterelektronenmikroskop ist deutlich zu sehen, dass die Spinnenbeine in feine Härchen übergehen, welche wiederum von ultrafeinen Härchen besetzt sind. Von Flüssigkeit keine Spur. Hier passiert Kleben ohne Klebstoff – und so was macht den Bioniker heiß. Wie das funktioniert, wollte Frau Kesel der Spinne zu gern abgucken.

Kurz bevor man in Bremen begann, mittels eines so genannten Rasterkraftmikroskops an den nanofeinen Härchen (den setulae) der Spinne zu zupfen, um eventuelle Kleb- oder Adhäsionskräfte zu messen, erschien im Wissenschaftsmagazin Nature ein erstaunlicher Artikel zum Thema Die Klebkraft einzelner Geckofußhaare. Ein K. Autumn und seine Kollegen beschrieben dasselbe Phänomen bei einer völlig anderen Tierart: Das tropische Kleinreptil Gecko ist das größte bekannte Tier, das vollkommen glatte Wände rauf- und runterläuft.

Auch der Gecko, hatten die Amerikaner festgestellt, saugt sich dabei nicht fest, nutzt kleine Kapillarkräfte und braucht auch keinerlei Klebstoff. Die Forscher behaupteten: Dahinter stecken die ominösen Van-der-Waals-Kräfte. Das sind – im Molekularbereich wirkende – unvorstellbar winzige elektrostatische Anziehungskräfte. Kommen sich zwei Moleküle oder Atome nur nahe genug, ziehen sie einander mit einer schwachen Kraft im Nano-Newton-Maßstab an. Mit Van-der-Waals-Kräften erklärt man sich beispielsweise die Existenz von Edelgaskristallen bei sehr tiefen Temperaturen. Kommen sich zwischen zwei Flächen die Moleküle massenhaft nahe, entstehen Anziehungskräfte, die auch im Makrobereich spürbar sind.

Beim Gecko stellen Milliarden von Nanohärchen unter den Füßen diese Kontakte her. Diese Härchen heißen beim Gecko spatulae, sie sind jeweils nur etwa 200 Nanometer (milliardstel Meter) dick. Das immerhin 50 bis 100 Gramm schwere Tier klebt so mit der fantastischen Gesamtadhäsionskraft von 10 Newton (das entspricht etwa einem Kilopond) an vertikalen Wänden. Der Sicherheitsfaktor 10, um den die Klebkraft mindestens größer ist als sein Eigengewicht, erklärt, warum das Tier selbst an einem Zeh noch an der Terrariumscheibe hängen kann. Der Trick mit den Van-der-Waals-Kräften wurde von der Evolution offenbar mehrfach voneinander unabhängig entdeckt und für tauglich befunden, denn auch Spinnen und Insekten nutzen diese Adhäsionshilfen, die einen ausschließlich, die anderen unterstützend. Doch der Gecko hat das Prinzip zur Perfektion entwickelt.

Stuttgart, Max-Planck-Institut für Metallforschung. Niemand würde hier Fliegenbeinzähler und Eidechsenforscher erwarten. Und doch könnte es sein, dass hier das erste markttaugliche Klebeband entwickelt wird, das mittels »Geckotechnik« haftet. Institutsleiter Eduard Arzt ist Metallkundler. Sein Interesse gilt eigentlich »Skaleneffekten« bei metallischen Werkstoffen, also überraschenden Eigenschaften, die Werkstoffe annehmen, wenn man sie im Mikro- und Nanobereich betrachtet. Als Arzt von dieser Eidechse und ihrer Meisterschaft in der Nutzung von Van-der-Waals-Kräften hörte, erwachte sein Interesse. Auch hier witterte er Skaleneffekte. Denn just der dicke Gecko hat die feinsten Klebehärchen. Die Adhäsionskraft ist umso größer, je kleiner die Kontaktfläche zwischen Tier und Oberfläche ist. Das ergibt geradezu frappierende Zahlen im Makrobereich. »Im Idealfall«, sagt Eduard Arzt, »wirken Van-der-Waals-Kräfte so stark, dass man an einem Seil von einem Zentimeter Durchmesser ein Auto ankleben könnte.«

Leser-Kommentare
  1. Bereits am 30. August erschien in der New York Times "Gravity-Defying Geckos Teach Scientists a Lesson". Schade, dass bei Wissenschaft und Technologie in Deutschland nahezu immer erst alles langsam "durchsickert". Dabei ist der NYT-Artikel trotzdem noch voraus: "In a recent issue of the journal Chemical Communications, the team reported that it had indeed produced synthetic hairs, with 200 times the sticking power of the ones made by nature." - diese Möglichkeit wird im Zeit-Artikel bestritten ("Versucht man aber, solche Hafthärchenoberflächen nachzubauen, kommt man schnell an seine Grenzen...").

  2. Guter Artikel, die Grafik zu den VdW Kräften enthält jedoch einen Fehler. So ist die Anziehung zwischen Wassermolekülen (Wasserstoffbrückenbindung) eine so genannte Dipol-Dipol Wechselwirkung. Als VdW-Kraft bzeichnet man nur die Anziehung unpolare Moleküle, die temporäre Dipole durch Ladungsverschiebung bilden.
    Siehe:
    http://de.wikipedia.org/w...
    http://de.wikipedia.org/w...

    -SK

  3. Das Missverständnis mit den van-der-Waals Kräften und der Dipol-Dipol Wechselwirkung ist wohl entstanden, weil der Autor des Artikels amerikanische Quellen benutzt hat. Im Englischen werden die Dipol-Dipol Wechselwirkungen nämlich van-der-Waals Kräfte genannt.

  4. Sehr geehrte Damen und Herren,

    leider zitiert der Autor - wie so viele, die sich nicht die Mühe machen wollen/können, in der einschlägigen Literatur zu recherchieren, nur amerikanische Forscher, die das Problem Gecko-Haften angeblich gelöst haben. Angeblich schlicht deshalb,weil ich es bereits 1968 gelöst habe. Die Amerikaner haben es lediglich neu ausgegraben und mit modernen Meßmethoden beeindruckend begleitet. Aber sie ignorieren fast stets und wider besseren Wissens meine Arbeiten, die - wie seinerzeit üblich - in deutscher Sprache verfasst wurden, das ist wohl der Grund, aber beileibe kein wissenschaftlicher.

    Auf dem letzten Ringberg-Symposium, veranstaltet vom MPI für Metallkunde Stuttgart im Juni 2005("Contact Phenomena in Materials and Biological Sytems"), habe ich auf Einladung von Prof. Dr. Arzt den erstaunten amerikanischen Teilnehmern klar machen können,dass die Meriten für die Ergründung des Haftvemögens nach Deutschland gehören.

    Leider sind bereits viele Wissenschaftsjournalisten von der eigenwerbewirksamen Kampagne der Amerikaner verleitet worden und haben so zur Verfälschung wissenschaftlicher Realität beigetragen. Da die amerikanischen Quellen nur teilweise meine erste Arbeit zu diesem Thema zitieren (und offensichtlich haben die betreffenden Autoren die Arbeit auch dann noch nicht gelesen), hier das Zitat:

    Uwe Hiller (1986): Untersuchungen zum Feinbau und zur Funktion der Haftborsten von Reptilien. Z. Morph. Tiere 62, 307 - 362.

    Vielleicht können Sie noch einen "Nachruf" auf diese Arbeit publizieren.

    Mit freundlichen Grüßen,
    U. Hiller

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
  • Kommentare 4
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Wissenschaft | Bionik | Spinne | Bremen | Stuttgart
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service