medien Fernsehen der Kuscheltiere

Talkshows unter der Großen Koalition: Was tun, wenn keiner widerspricht? Ein Besuch bei den drei Stars der Branche

Steht Deutschland vor einer Diktatur der Kuscheltiere? In den Talkshows, die die politische Diskussion hierzulande mitbestimmen, haben sich die Verhältnisse geändert. Seit eine Große Koalition regiert, fällt die Antriebskurbel aus, die bisher Sendungen von bis Maybrit Illners in Schwung gehalten hat: der Gegensatz von CDU/CSU und SPD. »Zwischen überzogener Angriffslust und äußerster Vorsicht« hätten die Politiker in den Monaten bis zur Unterzeichnung des Koalitionsvertrags geschwankt, sagt Sandra Maischberger, die je eine Sendung bei ARD und n-tv macht, »derzeit herrscht wieder äußerste Vorsicht«. Maybrit Illner glaubt nicht, dass die Harmonie des Augenblicks lange währt: »Es sieht auf absehbare Zeit überhaupt nicht nach Streichelzoo oder Friedhof der Kuscheltiere aus.« Und Sabine Christiansen gewinnt allem ein Gutes ab, auch der Großen Koalition. »Wir haben erst mal Glück«, sagt sie in der Kühle, die ihr Markenzeichen geworden ist, »wir müssen nicht mehr jedes Mal die Union und die SPD besetzen, sondern wir können uns auf den zuständigen Minister oder die Ministerin beschränken. Das bringt uns einen freien Platz ein.«

Doch wer springt in die Lücke? Wenn die Großen gemeinsam regieren, wer opponiert dann eigentlich noch? Wer formuliert Widerspruch, Protest, abweichende Meinungen? Gewiss gibt es im Bundestag die drei kleinen Fraktionen, die nicht an der Regierung beteiligt sind. Aber für ein Land von 80 Millionen Bürgern ist das auf Dauer vielleicht ein bisschen wenig – und für Talkshows mit ihren allwöchentlichen Neuauflagen bedrohlich langweilig. Oder braucht Deutschland nicht mehr Opposition, sondern weniger? Fragen an Maischberger, Illner und Christiansen – schließlich sind die drei Profis, wenn es um Opposition geht. Ihre Sendungen leben vom Widerspruch. Und da kommt ihnen gerade etwas abhanden.

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Wie »GroKo-TV« im bitteren Fall aussehen kann – Fernsehen unter der Großen Koalition –, war gerade wieder bei Christiansen zu sehen. Zum Streitfall Gesundheitsreform traten diverse Verbandsvertreter auf sowie SPD-Frau Ulla Schmidt als zuständige Ministerin. Obendrein war der stellvertretende CDU-Chef Christoph Böhr da. Der Christdemokrat zog es allerdings vor, die Zuschauer und die Ministerin nicht groß mit Wortbeiträgen zu behelligen – sei es, weil ihn das Expertengefecht zu »GKV« und »PKV« verwirrte, zu gesetzlicher und privater Krankenversicherung, sei es, weil ihn die Doppelexistenz der Sozialdemokratin Schmidt als Feindbild und Koalitionsfreundin irritierte. Das Ergebnis: viel Durcheinander und eine zufriedene Ministerin. Wer gebietet Einhalt? Christiansen hält es in der Sendung mit eigenen Kommentaren wie mit ihrer Garderobe – immer schön dezent bleiben.

Mehr Oppositionspolitiker, davon ist Maischberger überzeugt, lösen das Problem allerdings auch nicht. »Sicher wollen wir die Stimme der Opposition hören«, sagt sie. »Aber wenn wir als Sendung den Anspruch haben, die handelnden Personen zu Aussagen zu bewegen, dann haben wir mit denen, die gar nicht handeln können, ein Relevanzproblem.« Obwohl im Bundestag zu dritt, laufen die Kleinparteien FDP, Linkspartei und Grüne in der Talkshow-Republik Gefahr, übergangen zu werden.

Sabine Christiansen richtet ihren suchenden Blick lieber auf das Volk direkt. »Die Gesellschaft, das sind Sie, das bin ich – wir alle sind das«, schwärmt sie. »Warum sollte ich als Wortführer der Bürger ausschließlich die Opposition im Bundestag sehen? Die Wähler können schließlich selber reden.« Gilt in der Talkshow-Welt statt »Du bist Deutschland« künftig »Du bist Opposition«? Die Hoffnung auf den mündigen Bürger als Studiogast teilen auch Illner und Maischberger – allerdings mit deutlichen Vorbehalten. Die Erfahrungen mit einfachen Bürgern in politischen Talkshows sind keine durchweg guten. Maischberger bringt es auf eine harte Formel: »Die Zuschauer wollen immer die Leute aus dem Volk, meinen aber meist sich selber. Anderen aus dem Volk hören sie nicht so gern zu.« Kaum spricht der Bürger im Fernsehen, zappt der Bürger vor dem Fernseher schnell mal weg. Auch können sich Gäste ohne Promifaktor gegen bekannte Köpfe in der Runde oft nur schwer durchsetzen.

In der Christiansen- Sendung mit Gerhard Schröder vor der Wahl mussten selbst die eigens dazu gebetenen Experten erleben, wie wirkungslos ihr Auftritt blieb. Volkswirtschaftsprofessor Joachim Starbatty machte hinterher seinem Verdruss Luft: »Es wurde uns nicht gesagt, dass wir an einem Katzentisch säßen, etwa fünf Meter vom Ort des Geschehens entfernt – zu weit weg, um sich in das Gespräch einzuschalten.« Die Chance, Schröder mit den Mängeln seiner Wirtschaftspolitik zu konfrontieren, fiel flach. Stattdessen habe Sabine Christiansen dem Kanzler »als charmante Gastgeberin mit Fragen, von denen sie selbst glaubte, dass sie scharf und zupackend wären, eine Bühne zur Selbstdarstellung geboten«. Christiansens Erinnerung ist eine andere: Der Kanzler habe es ebenso geschickt wie charmant verstanden, den Experten »um den Bart zu gehen, sodass sie glatt ihre Kritik vergaßen – und das geht natürlich nicht«. In jedem Fall hat das Schröder-Experiment ein Wirkungsgesetz des Fernsehens unter Beweis gestellt: Die Kamera liebt den Profi-Charmeur mehr als den Laienprediger.

Sabine Christiansen beharrt: »Die Gesellschaft ist die Opposition.« Maybrit Illner meint, die Regierung ist sich selbst die beste Opposition: Sie freut sich auf »interessante Flügelkämpfe innerhalb der Parteien« und zwischen den Koalitionspartnern. »Die Aufgabe meiner Sendung ist ja nicht zu sagen, nun habt euch ordentlich lieb und erzählt mal der Tante, wie ihr das die nächsten Wochen so angehen wollt«, sagt die 40-Jährige. »Aufgabe meiner Talkshow bleibt es, existierende Interessenkonflikte aufzudecken. Und die wird es immer geben, egal, wer regiert.«

Leser-Kommentare
  1. Was haben uns denn die Wortbeiträge vieler Schlaumeier genutzt?

    Die Freiheit der Gedanken hat nur viele Sendeminuten vergeudet und der Demokratie wurde dadurch kein echter Dienst erwiesen. Schlecht ausgebildete oder nachplappernde Scheinexperten mit Doktorhut zeigten mit Fingern auf verantwortungsbewußte Akteure, deren Gewissen es nicht zulassen wollte, dass sich jeder davonmachen darf, dem es angeblich gerade an seine wohlverdienten Tantiemen ging.

  2. Ich fand "Sabine Christiansen" und die anderen auch während der rot-grünen Regierung meistens langweilig. Dort wird konsequenzlos unverbindlich geredet, und wenn es kontrovers oder detailliert wird, bricht meiner Erfahrung nach die Moderatorin den Gesprächsgang ab -- aus Ungeschicklichkeit oder weil ihr genau das zu heikel ist, was konzeptionellen Fortschritt brächte. Diese Sendungen verdienen kein Publikum. Sie fördern sicherlich ihrem Format nach 'Politikverdrossenheit'.

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