Norddeutschland Wer einmal in ein Torfloch fiel

Unheimlich schön ist das Teufelsmoor zu dieser Jahreszeit. In der Niederung bei Bremen sagen sich die Kraniche gute Nacht

Da, ein Irrlicht!« – »Wo?« – »Dort drüben, am Horizont!« Das Zwielicht verblasst langsam über dem tiefschwarzen Teufelsmoor. Stimmt, ein fahler Schimmer, bläulich, vielleicht eine Spur zu stetig. Es müsste uns eigentlich locken. Doch es lockt nicht. »Schnell raus hier, gleich sehen wir nichts mehr.« Schon ist die Nacht fast so schwarz wie der Torf. So schnell wie möglich tasten wir uns von einer mit Pfeifengras bewachsenen Insel zur nächsten. Ein Fehltritt, und mindestens ein Stiefel wäre verloren. Vielleicht mehr. Im Rücken beginnt etwas zu kitzeln, die Haut zieht sich zusammen wie damals beim Kohlenholen im schrecklichen Keller, die Augen von etwas unbeschreiblich Bösem im Rücken. Über den schwankenden Schwingrasenboden hasten wir zum befestigten Fahrweg. Gerettet! Der Teufel hat uns nicht erwischt in seinem Moor.

Zwischen Bremen und Bremervörde, beiderseits der Ufer von Hamme und Oste, gibt es eine über 600 Quadratkilometer große Niederung namens Teufelsmoor, über die viel Unfug im Umlauf ist. Denn erstens ist das Teufelsmoor lange schon kein Moor mehr, stattdessen eine geschniegelte und gestriegelte Kulturlandschaft. Waldig, wiesig, mit properen Bauernhöfen und ansehnlichen Maisfeldern; was Moor war, wurde seit dem 18. Jahrhundert systematisch kolonisiert, trockengelegt, urbar gemacht, zu Bauernland umgewandelt. Zweitens hat »Teufelsmoor« nichts mit dem Satan zu tun, der Begriff ist eine Verballhornung des niederdeutschen »doves Moor«, was taub oder unfruchtbar bedeutet. Drittens stammt der letzte, nur mäßig glaubwürdige Bericht über ein Irrlicht vom 14. August 1941: Auf der Hamme bei Worpswede, in der Nähe einer Stelle, die man Neu-Helgoland nennt und an der heute ein Gasthof steht, sahen zwei Angler neben ihrem Boot eine 30 bis 40 Zentimeter hohe bläuliche Flamme hochschießen. Sie war auch gleich wieder verschwunden.

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Und trotzdem bleibt es ein gruseliger Ort mit magischen Eigenschaften: So zieht es den, der einmal den Himmel überm Teufelsmoor sah, der einmal den Gagelstrauch roch und einmal bis zu den Knien im braunen, sauren Torf einsank, immer wieder hin. Es gibt noch ein paar vergessene Senken, ein paar nasse Flächen, meist in unmittelbarer Nachbarschaft zu den schlimmsten Moorfeinden, den industriellen Torfabbaubetrieben. Was die Torffresser übrig lassen, ist immer noch mehr Moor als das bäuerliche Weide- und Ackerland. Unter den Fittichen des Naturschutzes sind mittlerweile Landschaften entstanden, die ahnen lassen, was wir verloren haben, als sich die Herrschenden vor 250 Jahren in den Kopf setzten, ein Gebiet zu erschließen, das agrarisch ebenso tauglich ist wie die Wüste. Und an arme Habenichtse aufzuteilen, deren Überleben davon abhing, dass sie das Moor abschafften.

Huvenhoopsmoor, Augustendorf. Stiefel dabei, Fernglas, Kinder. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat in einem industriell abgetorften Gebiet, am Rande des letzten natürlichen Moorsees im Teufelsmoor, einen Lehrpfad eingerichtet. Dieser beginnt mit einem vertikalen Schnitt durch das hier drei bis vier Meter hohe Moor, vor dem man nur staunend stehen kann. Vor 5000 Jahren begann es in die Höhe zu wachsen. Eine Messlatte mit Jahreszahlen ragt über den Torfrand in den Himmel – so viel fehlt heute nach der Trockenlegung. Mit einer Ehrfurcht, die das Moor in den letzten Jahrtausenden wohl selten erfahren hat, kratzen wir ein Stück 2000 Jahre alten Torfs aus dem Querschnitt.

Am Rand des Moorsees, auf dem Krickenten schaukeln, steht ein Aussichtsturm. Man hat einen fantastischen Blick auf ein riesiges, aufgegebenes und wiedervernässtes Abbaugebiet; hier könnte sich einmal neues Hochmoor, also in die Höhe wachsendes Moor bilden. Im Augenblick dominieren Heidekräuter, Pfeifen- und Wollgräser, mit denen die Naturschützer aber noch nicht zufrieden sind. Richtiges Moor besteht nämlich aus Moosen, die das Wasser in feinsten Röhrchen durch so genannte Kapillarkräfte halten können. Moore von einer Höhe bis zu zehn Metern und mehr wuchsen hier auf diese Weise. Doch solche Moose brauchen spezielle Umweltbedingungen; das Ökosystem Moor reagiert extrem empfindlich, etwa auf Nährstoffüberschuss aus der Landwirtschaft und aus dem Regenwasser. Und auf Wasserentzug – hinter dem Huvenhoopsee am Horizont ist Moorzerstörung noch im vollen Gang: Wir sehen eine winzige Lok mit vielen kleinen Waggons fahren – hier wird industriell abgetorft. Nach Feierabend ist das Torfwerk ein großartiger, wenn auch verbotener Spielplatz für Kinder.

Leser-Kommentare
  1. 1. (...)

    (Auf Wunsch des Users entfernt. Die Redaktion/jk)

  2. Dieser Artikel übers "Teufelsmoor" bedarf weiterer Klarstellungen:

    Viel Unfug sei über das Gebiet im Umlauf heißt es im Artikel, das stimmt, und leider wird durch den ansonsten zeitgemäßen Artikel ein wenig weiterer Unfug zugefügt, was nicht nötig gewesen wäre.

    1. Warum wird über das Gebiet Heilsmoor so ausführlich berichtet, wenn es doch eigentlich gar nicht im Teufelsmoor liegt ?, Jedenfalls definiert u.a. die Biologische Station Osterholz seit >20 Jahren die Abgrenzung anders. Das auf der hohen Geest gelegene Gebiet steht bestenfalls über die Hauptentwässerungsrichtung mit dem in der Niederung gelegenen Teufelsmoor in Verbindung. Welcher Teufel mag hier den Moorführer geritten haben?

    2. Als eine "bodenlose" Untertreibung muß die Passage gewertet werden, wonach man angeblich nur 1 m einsacken kann bzw. dass der Test mit dem Versenken der Person (das war nämlich ich)nur bis zum Bauchnabel ging. Nein, wir prüften vorher mit einem geraden Haselstock von 2 m Länge die Moortiefe und siehe da, der Stock versank, und der hatte keine Kniee zum Abwinkeln unter der Oberfläche. Folglich hatte auch ich keine Mühe, meine 100 Kg bis zum Kopf zu versenken. Es gibt Fotobelege darüber zudem einen Film, und zwar nicht von Radio Bremen, sondern in der Sendereihe ZDF-Wissen (mit Wolf v. Lojewski...). All dies geschah im Hamberger Moor, das selbstverständlich zum Teufelsmoor gehört.

    Teufelsmoor für Fortgeschrittene - das gibt es in der Tat, aber wer zu weit fort schreitet, der (oder die) bleibt u.U. bis zum Hals im Morast stecken. Das Moor hat aber noch viel mehr zu bieten, also wenden Sie sich trotzdem jederzeit an die Biologische Station Osterholz, wir helfen Ihnen gern.

    gez. Tasso Schikore, Biologische Station Osterholz, e-Post: t.schikore@bios-ohz.de

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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  • Schlagworte Fremdenverkehrsamt | Bremen | Worpswede | Cuxhaven
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