Die Mission war ein klares Kamikazeprojekt: Die Raumsonde Huygens hatte sich vom Mutterschiff Cassini gelöst, steuerlos stürzte sie in die rötliche Atmosphäre des Saturnmondes Titan. Ihr Auftrag lautete, die Verwandtschaft des Mondes mit der 1,2 Milliarden Kilometer entfernten Erde auszuloten. Doch Planetenforscher hatten ihrem Spion ein rasches Ende prophezeit. Schon sein Anflugtempo von 20000 km/h hätte zum Verglühen in der dichten Atmosphäre Titans ausgereicht. Spätestens am Boden galt ein schnelles Finale als sicher. Drei Szenarien wurden ausgemalt: Der am Fallschirm herabsausende Roboter werde auf hartem Eis zerschellen. Oder in ein eiskaltes Meer aus flüssigem Methan platschen. Oder in einem teerigen Sumpf aus Kohlenwasserstoffen versacken. Jedenfalls drohe der Sonde ein minutenschneller Kältekollaps bei minus 180 Grad. BILD

Es kam anders. Noch drei Stunden und 15 Minuten nach der Landung piepte Huygens Botschaften von Titan zur Erde, erst dann gab er den Geist auf. Das war am 14. Januar. Fast ein Jahr später veröffentlichen nun die Europäische Raumfahrtagentur Esa und das Wissenschaftsmagazin Nature (Online-Ausgabe) eine erste große Auswertung der Datenflut, die Huygens mit seinen sechs Experimentiervorrichtungen und Dutzenden Messgeräten beim zweieinhalbstündigen Flug durch die Titan-Atmosphäre und beim mehr als dreistündigen Gründeln am Boden registriert hatte.

"Die Ergebnisse bestätigen das Vorkommen einer komplexen organischen Chemie sowohl in der Luft als auch am Boden Titans", sagt Jean-Pierre Lebreton, der Missionsleiter für Huygens bei der Esa. "Das bekräftigt die Vorstellung, dass sich auf Titan die Entwicklung von Molekülen beobachten lässt, die potenzielle Bausteine irdischen Lebens waren."

Präbiotische Chemie, so nennen Astrobiologen das Gebräu in frühen Ursuppen. Dort werden aus einfachen chemischen Elementen wie Wasserstoff, Kohlenstoff und Stickstoff kompliziertere organische Stoffe geköchelt; die Sonne und die Eigenhitze von Planeten liefern die notwendige Energie. Titan dürfte aus ähnlichem Material entstanden sein wie die Erde. Sein Durchmesser ist jedoch nur etwa halb so groß wie der irdische, und er ist zehnmal weiter von der Sonne entfernt. Geringe Eigenwärme und die schwache Sonne machen ihn zur Tiefkühltruhe. Doch genau deshalb ist er ein Konservatorium für Urgeschichte: Die biochemische Evolution verläuft hier in Zeitlupe.

Huygens hatte gleich zwei Instrumente an Bord, um auf Titan herumzuschnüffeln. Das eine sammelte Grobes, nämlich Aerosole, und zerkleinerte diese durch Hitze (Pyrolyse). Das andere war eine automatisierte Spürnase, die Substanzen ansaugt, fein säuberlich trennt und dann anhand ihrer Gewichte einzeln bestimmt (Gaschromatograf und Massenspektrometer GCMS). So konnte Huygens erstmals vor Ort nachweisen, dass in der Titan-Atmosphäre eine komplexe, vom Sonnenlicht und von kosmischer Strahlung getriebene Fotochemie abläuft. Dabei entstehen aus den Hauptbestandteilen seiner Atmosphäre, nämlich Stickstoff und Methan (Erdgas), Kohlenwasserstoffe wie Ethan, Acetylen und Ethylen, aber auch Blausäure und kompliziertere Stickstoff-Kohlenstoff-Verbindungen. Diese schwereren organischen Verbindungen sinken langsam herab, kondensieren dabei in Aerosolen, die Titan seine charakteristische Orange-Färbung und einen Dunstschleier verleihen. Die Substanzen in den Aerosolen können noch weiter verschmelzen (polymerisieren) und regnen irgendwann ab zum Boden.

Mit Kameras und Spektrometern konnte Huygens am Boden von Titan deutliche Gräben und Kanäle ausmachen, die in flache Gebiete münden (siehe Foto). Die Anhöhen sind meist hell, die Senken hingegen eher dunkel – dies deutet auf einen erdähnlichen Regenkreislauf mit Wolken, Niederschlag, Flüssen und Seen hin, in dem allerdings das Wasser durch Methan ersetzt ist. Methan wäscht, quasi als chemisches Reinigungsmittel, die teerähnlich dunklen Polymere von den Höhen in die Senken. Am Rand einer solchen dunklen Senke war Huygens gelandet. Die Beschleunigungsmesser in der Sonde verzeichneten zunächst einen kurzen Ruck, wahrscheinlich wurde dabei ein herumliegender Brocken aus tiefgefrorenem Wassereis zertrümmert.

Aufnahmen der Landeumgebung zeigen viele solch schmutziger Brocken (Titan besteht zu einem großen Teil aus Wassereis). Dann sackte die Sonde etwa zehn Zentimeter tief in einen lockeren Untergrund. Ein Tastinstrument an Bord (Penetrometer) bestimmte dessen Konsistenz, die vergleichbar ist mit nassem, losem Sand. Woraus dieser feste "Sand" besteht, ist ungeklärt. Allerdings verriet die Schnüffelnase, woher die Feuchte stammt: Während der ganzen Verweildauer am Boden stieg reichlich Methan von unten auf.