Selbstverliebt

Harald Martenstein über eheähnliche Gemeinschaften

Eine Freundin erzählte, dass es eine neue Minderheit gibt, die sich um gesellschaftliche Anerkennung bemüht. Die Minderheit sagt: »Wir werden diskriminiert.« Es sind die Autoerotiker. Diese Personen lieben sich selbst, was wohl die meisten von uns tun, sie bekennen sich aber offensiv dazu, sagen, dass sie niemanden anderen brauchen, vor allem nicht sexuell, und verlangen, dass sie mit sich selber eine eingetragene Lebensgemeinschaft eingehen dürfen, wie Homosexuelle. Kürzlich haben ja auch zwei alte Damen erfolgreich geheiratet, die nicht lesbisch sind, sich aber gegenseitig beerben möchten. Ich sagte: »Wer sein Vermögen erbt, sollte einem Autoerotiker egal sein.« Es geht offenbar um steuerliche Vorteile. Ein mit sich selbst verheirateter Autoerotiker wäre steuerrechtlich kein Single mehr, er könnte sich selber in zwei Steuerklassen aufsplitten. Der Zugang zum katholischen Priesteramt bliebe dem verheirateten Autoerotiker dagegen versperrt.

Zuerst dachte ich: Für diskriminierte Gruppen sollte es eine Sperrklausel geben, wie die Fünfprozenthürde bei den Wahlen. Eine diskriminierte Gruppe muss mindestens ein Prozent der Bevölkerung hinter sich bringen, erst dann reden wir weiter.

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Anschließend fiel mir auf, dass es bei den diskriminierten Gruppen in unserer Gesellschaft nur einen Zugang, aber keinen Ausgang gibt, ähnlich wie bei Steuererhöhungen oder der Staatsverschuldung. Was macht eigentlich eine Gruppe, die es nach jahrzehntelangem Kampf geschafft hat, nicht mehr diskriminiert zu werden? Nehmen wir beispielsweise an – nur mal angenommen! –, Bundeskabinett und Chefetagen bestünden zu 60 Prozent aus Frauen, die Führungskräfte in der zweiten Reihe ebenfalls, und von den 40 Prozent Männern in der Führung von Staat und Wirtschaft seien die Hälfte homosexuell. Völlig utopisch ist das doch nicht. Das kann doch in 20, 30 Jahren ohne weiteres passieren! Während aber die Liste der bedrohten Tierarten – ich setze nichts gleich! Es ist nur ein Beispiel! –, während diese Liste also von einer Naturschutzorganisation regelmäßig aktualisiert wird und eine Spezies, deren Schicksal sich erfreulich entwickelt, von »sehr bedroht« auf »mäßig bedroht« zurückgestuft wird, existiert eine solche Institution bei den diskriminierten Gruppen nicht. Die diskriminierten Gruppen selber dürften zu einem objektiven Urteil kaum in der Lage sein, denn der Diskriminiertenstatus bringt ja Vorteile – Quoten, Fördertöpfe, Mitleid, Dikriminiertenbeauftragte, Gott weiß was alles. Das discrimination checking müsste eine neutrale Organisation übernehmen, so etwas wie Transparency International.

Bei Männern und Frauen läuft es meines Erachtens auf die gleiche Situation hinaus wie zwischen Rauchern und Nichtrauchern, die beide mit nachvollziehbaren Argumenten erklären, von der jeweils anderen Seite diskriminiert zu werden. Einen harmonischen Zustand aber kann die Gesellschaft erst dann erreichen, wenn wir alle, jeder von uns, zu einer diskriminierten Gruppe gehören und wir einander endlich auf Augenhöhe begegnen. Dies waren einige Gedanken zur postfeministischen Post-68er-Ära, die wir soeben betreten haben.

 
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