Ich habe einen Traum Das Streben nach Vanille-Eis

Das Streben nach Glück ist die falsche Spur, findet Tilda Swinton. Die Schauspielerin träumt von der Einsamkeit

Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich mich nicht einsam gefühlt hätte. Und ich habe kein Problem damit. Einsamkeit ist der Deal des modernen Lebens, die Vertragsgrundlage. Dennoch scheint mir Einsamkeit das letzte Tabu in unserer Welt zu sein. Wir werden dauernd davon abgelenkt, der Einsamkeit wirklich zu begegnen. Die Vermeidung der Einsamkeit verleitet uns dazu, all dieses unnütze Zeug zu kaufen, das uns zerstreuen soll. Würden wir akzeptieren, wie allein wir wirklich sind, ginge es uns viel besser. Wir wären viel eher in der Lage, gute Gesellschaft zu finden und ein friedvolles, ungestörtes Leben zu leben.

Es gibt Umgebungen, die einem dabei helfen können. Ein Hochmoor oder ein weite Ebene. Mein Lieblingsort ist immer dort, wo Wind weht. Oder in Stille mit einem Menschen, mit dem man gemeinsam allein sein kann. Einfach da sein. Den Klang der eigenen Ohren hören. Den Atem. Stille ist sehr inspirierend für mich.

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Manche Leute sagen schon, ich lebte in der Wildnis, weil ich nicht in einer Großstadt wohne. Doch mir kann in einer Großstadt kälter sein als auf einem Berggipfel. Ich wohne abgelegen im Norden Schottlands. Wenn Leute von Wildnis sprechen, hat man oft den Eindruck, dass man dort eisern durchhalten muss. Es ist mir beinahe unangenehm zu sagen: Die Wildnis ist mir ein behaglicher, ein tröstender Ort.

Unweit unseres Hauses gibt es einen großen, weiten Strand. Eine absolut klare Umgebung. Wenn ich nicht dort sein kann, träume ich von einem Strand, wie dem in A Matter Of Life And Death von Michael Powell, einer meiner Lieblingsfilme. Es gibt da diese herrliche Szene, in der fällt ein Mann aus einem Flugzeug und überlebt auf wundersame Weise. Aber er nimmt an, er sei tot. Weil er sich an einem unglaublich breiten, menschenleeren Strand wiederfindet. Die Szene spielt in England. Es ist ein nordeuropäischer Strand, mit Dünen und einem riesigen Himmel darüber. Der Mann sieht auf und entdeckt einen kleinen Jungen, der leise Flöte spielt. Also nimmt er an, er sei im Himmel. Ich liebe diese Szene. Wenn ich irgendwo auf der Welt unterwegs bin und mich an einen Ort träume, an dem ich gerade am liebsten wäre, dann an diesen.

In meiner Familie gibt es eine lange militärische Tradition. Disziplin war bei uns zu Hause alles. Aber Disziplin bedeutet nicht Einsamkeit. Im Gegenteil. Disziplin hält einen von den eigenen Instinkten fern. Es geht sogar vielmehr darum, die Verbindung zu den eigenen Instinkten zu zerstören. Und an deren Stelle eine Art von automatischer Reaktion zu setzen. Man existiert nur als Teil einer Gruppe. Die Gruppenstruktur dient dazu, das Gefühl einer eigenen privaten Identität auszuschalten. Auch deshalb erscheint mir Einsamkeit als etwas Freundliches: weil ich mich dort nicht nach den Vorstellungen einer Gruppe richten muss.

Ich war das dritte Kind von vieren. Meine drei Brüder haben eigentlich immer Lärm gemacht. Alleinsein bedeutete eine Zuflucht für mich. Meine Brüder haben immer noch diese Art, Menschen dazu zu zwingen, ihnen zuzuhören. Ich liebe sie, aber so sind sie nun mal. Drei Brüder. Ich weiß, das scheint nicht sehr viel. Aber sie machen ihre eigene Art von Lärm. Nicht unbedingt, weil sie schreien. Es gibt so viele Arten, Lärm zu machen. Die nicht einmal unbedingt mit Geräuschen zu tun haben muss. Psychischer Lärm zum Beispiel. Da sind Momente des Alleinseins kostbar.

Als Kind saß ich deshalb jeden Tag im Sattel und bin ausgeritten. Diese Ritte erschienen mir immer wie Filme. Ich machte einen Film in meinem Kopf daraus. Ein Film von mir selbst, wie ich durch die Wälder ritt. Ich ritt vom Hof, durch das Tor, dann fiel die erste Klappe. Da war ich ungefähr 13. Es wäre nicht ganz korrekt, das als Fantasie zu beschreiben. Es war eher diese unbestimmte Empfindung von Freiheit. Es war, als schlüge ich eine neue Seite auf. Eine neue Möglichkeit. Und ich konnte endlich allein sein. Wenn ich draußen war, überkam mich das Gefühl: Alles ist möglich. Jedes Mal, wenn ich zurück nach Hause kam, wusste ich: Der Film ist vorbei. Aber ich wusste, morgen gibt es einen neuen.

Ebenso wenig wie an die Illusion einer Menschengemeinschaft glaube ich an das Glück als Lebensziel. Mir scheint sogar das Streben nach Glück, so wie es in der amerikanischen Verfassung formuliert ist, eine falsche Spur zu sein. Ein Ablenkungsmanöver. Nach Glück zu streben, das ist wie das Streben nach Vanille-Eis. Es ist ein angenehmer Geschmack, aber nicht etwas, was man tatsächlich verfolgen kann.

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