geheimdienst Der Schweiger
Ernst Uhrlau wird neuer BND-Chef. Sein erster Fall: Die Geiselnahme im Irak
Wollen Sie Präsident des Bundesnachrichtendienstes werden?« Dieses Angebot würde derzeit viele der möglichen Kandidaten fürchterlich erschrecken. BND-Chef, ausgerechnet jetzt, da der Geheimdienst wieder einmal in eine Krise zu schlittern droht? Ihm wird vorgeworfen, unerlaubt Journalisten ausspioniert zu haben. Und mancher vermutet, einige Mitarbeiter hätten schon frühzeitig von den mysteriösen Entführungen mutmaßlicher Terroristen und den Folterverhören durch die amerikanische CIA gewusst. Nein, in diesen schweren Zeiten würden viele diese Offerte wohl dankend ausschlagen.
Ernst Uhrlau, der bisherige Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, hat ja gesagt. »Mich hat bislang noch keine heikle Aufgabe geschreckt.« An diesem Dienstag scheint der Himmel über ihm einzustürzen: Eigentlich wollte er mit den Kollegen im Kanzleramt in Ruhe Abschied feiern, Dankesreden entgegennehmen und ein Gläschen trinken. Doch im Irak wurde gerade die deutsche Archäologin Susanne Osthoff entführt, Kanzlerin Angela Merkel und ihr Kabinett wollen umgehend über die Lage im Irak unterrichtet werden. Die Experten dafür sind der bisherige BND-Chef August Hanning und sein Nachfolger Ernst Uhrlau.
Gleichzeitig will die Öffentlichkeit immer dringlicher wissen, ob die Amerikaner Deutschland tatsächlich als Drehscheibe benutzt haben und ob die hiesigen Behörden, auch der BND, informiert waren. Ernst Uhrlau sagt an diesem Tag dazu nur so viel: »Wir haben keine Hinweise, keine Fakten. Es gibt nur Gerüchte.« Und das Problem mit den Gerüchten sei, dass viele sie bereits für Tatsachen hielten.
Der 59-Jährige ist alles andere als ein deutscher 007, er ist kein Draufgänger, keiner, der bewusst das Risiko und den Nervenkitzel sucht. Uhrlau ist eher ein vorsichtiger Typ, immer abwägend und von bedächtiger Natur. Wahrscheinlich aber macht ihn gerade das besonders geeignet, eine Behörde mit Tausenden von Geheimdienstlern zu leiten, von denen mancher im Schatten der großen Weltpolitik bisweilen ein gefährliches Eigenleben führt.
Ernst Uhrlau fällt mitten im Gespräch bisweilen in minutenlanges Schweigen, was entweder seiner vorherigen Aussage Nachdruck verleihen soll oder dem Gesprächspartner demonstriert, dass er auf die Frage einfach nicht antworten will. Geheimnisse sind bei ihm gut aufgehoben, für neugierige Journalisten ist er eine harte Nuss.
Was ihn auszeichnet: Obwohl er sich sein ganzes Berufsleben lang mit Gewalt, Terror und Extremismus beschäftigt hat, fordert er nicht wie viele in seinem Fach und in seiner Partei, der SPD, ständig härtere Gesetze. Uhrlau hat sich ein feines Gespür für das empfindliche, störanfällige Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit bewahrt. Der gelernte Diplompolitologe, der in Hamburg zur Welt kam, aufwuchs und studierte, der dort an der Polizeischule lehrte, fünf Jahre lang den Verfassungsschutz und zwei Jahre lang die Polizei leitete, will in erster Linie analysieren, verstehen und die Gründe der Bedrohungen ergründen.
Wann immer in Hamburg eine Sicherheitsbehörde in Turbulenzen geriet und dringend jemand gesucht wurde, der mit ruhiger Hand Ordnung schaffen konnte, fiel die Wahl auf Ernst Uhrlau. Zum Beispiel 1991. Damals machte ihn Hamburgs Innensenator zum Chef des hanseatischen Verfassungsschutzes. In Deutschland war die Zahl rassistischer Gewalttaten dramatisch gestiegen, Rechtsextreme setzten Asylbewerberheime in Brand und ermordeten Ausländer, auch in Hamburg gab es gewaltbereite Gruppen. Uhrlau, der schon zehn Jahre lang für den Verfassungsschutz gearbeitet hatte und viel über die Skinheads wusste, wurde zum gefragten Experten. Und er gab unbequeme Antworten. »Die Todesspur von rechts nimmt gerade erst ihren Anfang«, sagte er, die Ausländerfeindlichkeit rücke langsam in die Mitte der Gesellschaft vor. Er sollte leider Recht behalten.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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