Bahn Endstation Börse. Bitte alle aussteigen!Seite 3/3

Es spricht allerdings manches dafür, dass auf den ersten Sturm der Entrüstung Nachdenken folgt. Einmal, weil die Länder der Kürzung zustimmen müssen. Zum andern, weil sie selbst die Milliarden des Bundes zum Teil zweckentfremden. Angeblich ist Rheinland-Pfalz das einzige Bundesland, das seinen Teil komplett für den Nahverkehr ausgibt. Andere Länder sanieren Gleisanlagen und Bahnhöfe damit – oder einfach ihren Haushalt. Rechenschaft müssen sie jedenfalls für die Verwendung der Regionalisierungsmittel nicht ablegen.

Auch mit der Privatisierung der Bahn ist noch längst nicht alles klar. Will der Bund eine Mehrheit verkaufen, muss das Grundgesetz geändert werden. Der Artikel 87e schreibt nämlich vor, dass »der Bau, die Unterhaltung und das Betreiben von Schienenwegen« im Eigentum des Bundes sein müssen.

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Auch für den Fall einer Minderheitsbeteiligung ist zuvor die umstrittene Frage zu klären, ob das Netz (also Gleis- und Sicherheitsanlagen) mit verkauft werden darf. Mehdorn argumentiert, ohne Netz sei sein Konzern unverkäuflich. Seine Widersacher halten die Trennung von Netz und Betrieb für unvermeidlich, weil sonst die Bahn als Monopolist entscheiden kann, wer zu welchen Bedingungen auf ihre Schienen darf und wer nicht.

Für die Bahn als privates Unternehmen wäre die Versuchung besonders groß, die Konkurrenz abzuschrecken. Deshalb wartet die Fachwelt gespannt auf ein Gutachten der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton zu dieser Frage. Es soll auf jeden Fall noch vor Weihnachten vorliegen und kommt angeblich zu dem Schluss, im Fall der Trennung könne sich der Börsengang um bis zu fünf Jahre verzögern.

Bei der Bilanzpressekonferenz im Mai, auf der Mehdorn das Erreichen der Gewinnzone verkündete, erklärte er noch selbstsicher: »Wir werden der neuen Regierung keine Probleme liefern. Wir werden Erfolge liefern.« Jetzt hat er schon den ersten Ärger mit ebendieser Bundesregierung am Hals. Der Grund: Sie hat ihn in der Frage des Umzugs erst einmal zurückgepfiffen. Mit gutem Recht: Über den Sitz der Bahn, der laut Satzung Berlin ist, kann nur der Eigentümer entscheiden. Und das ist immer noch der Bund.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Fall Mehdorn scheint die chinesische Erfahrung zu belegen, dass nicht Ideologie und Eigentumsform, sondern Psychologie und individuelle Zielvorgaben entscheidend für wirtschaftlichen Erfog sind. Man kann ein Feld als kommunistische bzw. bundeseigene Heuschrecke mit ebenso viel Gewinn oder Verlust genau so kahl fressen, wie als offiziell-imperialistische. Mindestens. Er kam, sah, entschied - und ruinierte. Einzige und entscheidende Ursache des Problems: das vollkommene Fehlen jeglicher persönlicher Beziehung/Bindung zwischen einem Mann und "seinem" Unternehmen: Ein Logistiker ist gerade nicht im Angebot? Macht nichts! Nehmen wir halt die Bahn. Mitunter ist es leichter um- als neu zu bauen. Man hat immerhin schon eine bekannte Adresse, wenn man beginnt, und viele, viele Bekannte, denen diese Adresse was sagt. Ob die Adresse nun Bahn oder Spiegel heißt, ist vollkommen Wurst.

    Und noch eines zeigt Herr Mehdorn überdeutlich: Trends sind etwas, was gemacht wird. Flexibilität ist alles, behauptet der Zeitgeist. Wir glauben ihm. Wir stellen fest, dass eine Stahlschiene viel zu statisch ist, weil sie ja nur in zwei Richtungen führt. Wir beschließen, dass Straßen nicht nur rascher und flexibler, sondern vor allem auch effizienter verbinden müssten. Nachgerechnet haben wir nicht. Herrn Mehdorn hat. Allerdings hat dazu lediglich Zahlen in seinen Taschenrechner getippt, die er sich zuvor in seinem Konzern zusammengesucht hat. Mehr nicht. Auch nicht weniger. Gesamtbilanz? Fahlanzeige. Die Bahn muss weg, ergibt die Mehdornsche Berechnung. Weil: Die Rechnung des Herrn Mehdorn ergibt ein Minus. Ein guter Grund für ihn, die defizitäre Sparte fallen zu lassen. Kein Gedanke mehr daran, keine Bemühung darum, kein Euro in Bar. Es wäre Verschwendung, nicht wahr? Der Zeitgeist, schließlich, kann nicht irren. Man darf sich ihm nicht in den Weg stellen, wenn man überleben will. Und siehe: Er hatte Recht, der Zeitgeist. Oder war's der Mehdorn?

  2. Deutsche Bahn AG als Gigant in der Logistikbranche? Weiter so, die Konkurrenz schlaeft nicht. In den USA und Asien entstehen ware Monster von Unternehmen, und wir brauchen unbedingt mehr deutsche Praesenz! Fuer den Schienenverkehr werden neue Ansaetze gefunden, nicht immer so pessimistisch bitte, wir sind ja nicht die ersten, die am weltweiten Wachstum und Wohlstand der Volkswirtschaften teilnehmen ;-)
    Ich finde es auch schade, dass Berlin so unattraktiv fuer die Bahn geworden ist. Aber der Wettbewerb entscheidet. Uebrigens auch ueber Krankenhaeuser, Hochschulen, und Olympsichen Bewerbungsmappen. Wer fuer die Warner Brothers arbeiten will, geht nach Hollywood. Fuer die Deutsche Bahn, demnaechst nach Hamburg! So ist das. Frankfurt das Finanzzentrum, warum dann nicht Hamburg das Logistik-Zentrum? Mut zur Veraenderung! Der Mut zum Fortschritt!
    Ich wuensche mir von der Zeit und seinen Lesern noch mehr positive Elemente. Wir haben Grosses vor uns, Reformen auf allen Ebenen, und wenig Zeit. Ich habe schon Europaeer zusammenbrechen sehen beim Anblick Shanghais oder Hong Kongs! Da waren die 'Mehdoerner' schon vor 10 Jahren :-)
    Vielen Dank

  3. Zitat aus Ihrem text. "Vor gut zwei Jahren kam der Spediteur Schenker mit seiner gewaltigen Lkw-Flotte zur Bahn"
    dazu angemerkt... ohne die Unterbezahlten Subunternehmen würde sich doch kaum ein Rad drehen. man versucht sich doch hier mit Fremden Federn zu schmücken. Ich wüste ja mal gerne wie groß die eigene Flotte in wirklichkeit ist.
    Alles das, was wir Steuerzahler finanziert haben, wird doch jetzt so einfach verschenkt und zunichte gemacht.
     

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