Bevor die Weltpolitik in Gestalt eines bärtigen, langhaarigen Mannes sein kleines Büro im bayerischen Provinzstädtchen Neu-Ulm betrat, war Manfred Gnjidic, wie er es nennt, "nur ein kleiner Anwalt". Ladendiebe und Verkehrssünder verteidigen, Ausländer vom benachbarten "Multikultizentrum" vor den immer strenger werdenden Behörden vertreten – das war sein Alltag. Ja, ein wenig hatte er das Brummen der Welt schon vorher mitbekommen, "denn auch hier in Ulm waren die Behörden ja nach dem 11. September hinter jedem Bärtigen her". Der richtige "Krieg gegen den Terrorismus", der wütete jedoch woanders. Ein verdächtiges CIA-Flugzeug, Frankfurt 2003 BILD

Und dann stand plötzlich einer dieser Bärtigen in seiner Kanzlei, stellte sich als Khaled al-Masri vor und wollte eine "große Geschichte" erzählen. "Wie Robinson Crusoe hat er damals ausgesehen", erinnert sich Gnjidic und befürchtete, wieder so einen "Quengelmandanten" vor sich zu haben. Al-Masri aber sagte: "Ich bin Deutscher, ich wurde vom CIA in einen afghanischen Folterkeller entführt und nach monatelangen Verhören in einem albanischen Wald wieder ausgesetzt." Gnjidic dachte zunächst: "Verarsch doch einen anderen!" Doch Khaled al-Masri beharrte auf seiner Geschichte. Er begann zu erzählen, er legte Dokumente vor, er zitterte und weinte. Anwalt Gnjidic hörte genau zu, dann kippte er seine Tasse Kaffee hinunter und dachte: "Da ist eine Riesensauerei im Gange. Das musst Du offen legen, wenn du deine Prinzipien und deinen Rechtsstaat verteidigen willst.

Das war vor über einem Jahr. Da wurde aus dem "kleinen Anwalt" ein weiteres Rädchen einer langsam anlaufenden Maschine, die gegen ein Unrecht kämpft, das heute die europäische Öffentlichkeit aufwühlt: Menschenraub von vermeintlichen Terroristen, organisiert vom amerikanischen Geheimdienst im Rahmen des "Krieges gegen den Terror". Seit Jahren schon berichten US-Medien über staatliche Verschleppungen und anschließende Folterverhöre durch die CIA. Doch erst seit die Washington Post Anfang November aufdeckte, dass die für diese Entführungen benutzten Flugzeuge regelmäßig auch Militärbasen und Gefängnisse in Europa ansteuern, regt sich erstmals lauter Protest in der EU. Es gebe "ernst zu nehmende, beunruhigende Indizien für geheime US-Transporte gefangener Islamisten", sagte vergangene Woche der Sonderermittler des Europarates, Dick Marty, der nun Licht in die geheimen Praktiken der CIA bringen und Europas Regierungen in einem speziellen Verfahren zu Ermittlungen zwingen will.

Die ZEIT nahm Einsicht in Ermittlungsakten, Telefonüberwachungsprotokolle und Zeugenaussagen von Sicherheitsbehörden aus mehreren europäischen Ländern. Die Dokumente zeichnen ein detailliertes Bild der Entführungen. Was beharrliche Ankläger, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten in den letzten Monaten gesammelt haben, lässt vermuten, dass hinter den Entführungen ein System steckt, über das selbst hartgesottene europäische Geheimdienstler staunen – von dem aber auch europäische Sicherheitsbehörden profitiert haben könnten.

Italien, Mailand. Was für den Anwalt aus Ulm wie ein Schock wirken mochte, war für die junge in Mailand lebende Ägypterin Fatima M. (Name geändert, Anm. d. Red.) allzu bekannt. Wie viele Angehörige der islamischen Gemeinde in Mailand kannte sie die Geschichte des Islamisten Abu Talal. Der war 1995 in der kroatischen Hauptstadt Zagreb unter mysteriösen Umständen verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Abu Talal war Sprecher der Al-Dschama’a al-Islamiya, einer in Ägypten verbotenen extremistischen Organisation. Sein Verschwinden schürte in der Mailänder Muslimgemeinde die Furcht, dass jederzeit einer der "Ihrigen" verschleppt werden könnte. Gerüchte kursierten über potenzielle Täter: der ägyptische Geheimdienst, die Italiener vielleicht, die CIA, die man seit dem 11. September 2001 am meisten fürchtete. So gingen die Gerüchte, so verfestigte sich die Sorge.

Deshalb auch erzählte Fatima M. einer Freundin, was sie am 17. Februar 2003 zwischen 11.30 und 12 Uhr in der Via Guerzoni in Mailand beobachtet hatte: Sie kam gerade mit ihren Kindern vom Einkauf beim Bäcker, als sie einen Lieferwagen bemerkte, der den Bürgersteig blockierte. Ein Mann arabischen Aussehens stand an eine Hauswand gelehnt, ihm gegenüber zwei Männer in westlicher Kleidung. Sie kontrollierten offensichtlich die Papiere des Arabers. Einer telefonierte dabei mit einem Mobiltelefon. Fatima M. wechselte die Straßenseite. Da hörte sie Lärm. Sie drehte sich um. Der Lieferwagen brauste davon. Der Araber und die beiden Männer waren verschwunden.