usa Abflug in die Folterkammer

Vertrauliche Ermittlungsakten offenbaren die Methoden der CIA im Kampf gegen den Terror. Mitten in Europa verschwinden Menschen. Manche tauchen nicht wieder auf. Welche Rolle spielen die deutschen Sicherheitsbehörden?

Bevor die Weltpolitik in Gestalt eines bärtigen, langhaarigen Mannes sein kleines Büro im bayerischen Provinzstädtchen Neu-Ulm betrat, war Manfred Gnjidic, wie er es nennt, »nur ein kleiner Anwalt«. Ladendiebe und Verkehrssünder verteidigen, Ausländer vom benachbarten »Multikultizentrum« vor den immer strenger werdenden Behörden vertreten – das war sein Alltag. Ja, ein wenig hatte er das Brummen der Welt schon vorher mitbekommen, »denn auch hier in Ulm waren die Behörden ja nach dem 11. September hinter jedem Bärtigen her«. Der richtige »Krieg gegen den Terrorismus«, der wütete jedoch woanders.

Und dann stand plötzlich einer dieser Bärtigen in seiner Kanzlei, stellte sich als Khaled al-Masri vor und wollte eine »große Geschichte« erzählen. »Wie Robinson Crusoe hat er damals ausgesehen«, erinnert sich Gnjidic und befürchtete, wieder so einen »Quengelmandanten« vor sich zu haben. Al-Masri aber sagte: »Ich bin Deutscher, ich wurde vom CIA in einen afghanischen Folterkeller entführt und nach monatelangen Verhören in einem albanischen Wald wieder ausgesetzt.« Gnjidic dachte zunächst: »Verarsch doch einen anderen!« Doch Khaled al-Masri beharrte auf seiner Geschichte. Er begann zu erzählen, er legte Dokumente vor, er zitterte und weinte. Anwalt Gnjidic hörte genau zu, dann kippte er seine Tasse Kaffee hinunter und dachte: »Da ist eine Riesensauerei im Gange. Das musst Du offen legen, wenn du deine Prinzipien und deinen Rechtsstaat verteidigen willst.

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Das war vor über einem Jahr. Da wurde aus dem »kleinen Anwalt« ein weiteres Rädchen einer langsam anlaufenden Maschine, die gegen ein Unrecht kämpft, das heute die europäische Öffentlichkeit aufwühlt: Menschenraub von vermeintlichen Terroristen, organisiert vom amerikanischen Geheimdienst im Rahmen des »Krieges gegen den Terror«. Seit Jahren schon berichten US-Medien über staatliche Verschleppungen und anschließende Folterverhöre durch die CIA. Doch erst seit die Washington Post Anfang November aufdeckte, dass die für diese Entführungen benutzten Flugzeuge regelmäßig auch Militärbasen und Gefängnisse in Europa ansteuern, regt sich erstmals lauter Protest in der EU. Es gebe »ernst zu nehmende, beunruhigende Indizien für geheime US-Transporte gefangener Islamisten«, sagte vergangene Woche der Sonderermittler des Europarates, Dick Marty, der nun Licht in die geheimen Praktiken der CIA bringen und Europas Regierungen in einem speziellen Verfahren zu Ermittlungen zwingen will.

Die ZEIT nahm Einsicht in Ermittlungsakten, Telefonüberwachungsprotokolle und Zeugenaussagen von Sicherheitsbehörden aus mehreren europäischen Ländern. Die Dokumente zeichnen ein detailliertes Bild der Entführungen. Was beharrliche Ankläger, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten in den letzten Monaten gesammelt haben, lässt vermuten, dass hinter den Entführungen ein System steckt, über das selbst hartgesottene europäische Geheimdienstler staunen – von dem aber auch europäische Sicherheitsbehörden profitiert haben könnten.

Italien, Mailand. Was für den Anwalt aus Ulm wie ein Schock wirken mochte, war für die junge in Mailand lebende Ägypterin Fatima M. (Name geändert, Anm. d. Red.) allzu bekannt. Wie viele Angehörige der islamischen Gemeinde in Mailand kannte sie die Geschichte des Islamisten Abu Talal. Der war 1995 in der kroatischen Hauptstadt Zagreb unter mysteriösen Umständen verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Abu Talal war Sprecher der Al-Dschama’a al-Islamiya, einer in Ägypten verbotenen extremistischen Organisation. Sein Verschwinden schürte in der Mailänder Muslimgemeinde die Furcht, dass jederzeit einer der »Ihrigen« verschleppt werden könnte. Gerüchte kursierten über potenzielle Täter: der ägyptische Geheimdienst, die Italiener vielleicht, die CIA, die man seit dem 11. September 2001 am meisten fürchtete. So gingen die Gerüchte, so verfestigte sich die Sorge.

Deshalb auch erzählte Fatima M. einer Freundin, was sie am 17. Februar 2003 zwischen 11.30 und 12 Uhr in der Via Guerzoni in Mailand beobachtet hatte: Sie kam gerade mit ihren Kindern vom Einkauf beim Bäcker, als sie einen Lieferwagen bemerkte, der den Bürgersteig blockierte. Ein Mann arabischen Aussehens stand an eine Hauswand gelehnt, ihm gegenüber zwei Männer in westlicher Kleidung. Sie kontrollierten offensichtlich die Papiere des Arabers. Einer telefonierte dabei mit einem Mobiltelefon. Fatima M. wechselte die Straßenseite. Da hörte sie Lärm. Sie drehte sich um. Der Lieferwagen brauste davon. Der Araber und die beiden Männer waren verschwunden.

Leser-Kommentare
    • orplid
    • 02.12.2005 um 10:46 Uhr

    Das wäre ja ein ausgezeichneter Selbstzerstörungsmechanismus, wenn die CIA tatsächlich den Kampf gegen den Terror führen würde!

  1. 1 Milliarde Euro zahlt Deutschland jährlich an die amerikanische Basen (New York Times, "Military Bases in Germany")...

  2. Was passiert hier in dieser Welt momentan?
    Wer hat hier eigentlich noch die Fäden in der Hand?
    Welche Rechte hat der Bürger noch im Rechtsstaat?

    Genau diese Fragen sind es, welche momentan unbeantwortet bleiben. Dabei stützt sich gerade auf diese Fragen das Vertrauen der Bürger in seinen Rechtsstaat.

    Einerseits wirde jeder, der diese Artikel liest mit Wut im Bauch und Fragen über die Glaubwürdigkeit seines eigenen Staates allein gelassen. Andererseits kollabiert hier mal wieder die Eigeninitiative des aktiven Staatsbürgers. Denn viele kenne ich nicht, welche sich wirklich mordsmäßig (wie ich) über die Enthüllungen der letzten Wochen aufgeregt haben. Dabei stellen diese Geschehnisse mehr als eine bloße Bedrohung der Menschenrechte dar. Hier wurden Menschenleben genommen, Familien wurden aufghrund des Ermessens einzelner Personen in Leid gestürzt.

    Ist soetwas eigentlich tolerierbar? Erschreckend muss ich feststellen, wie ich mich der Meinung des ersten Kommentars anschließe, dass ich soeben mein Vertrauen in diesen Staat verliere. Weiterhin resigniere ich fast vor meiner verantwortung, welche ich hier als Bürger habe.

    Ich habe soeben gemerkt wie sehr mich der Artikel wachgerüttelt hat. Offensichtlich kommt dem Journalismus hier eine ganz entscheidende Schlüsselrolle zu! Wer sonst bringt Licht ins Dunkel und rüttelt mich wach, damit meinen Worten eines Tages Taten folgen?

    • orplid
    • 02.12.2005 um 10:44 Uhr

    Der eigentliche Macht-Terror geht von den USA aus. Sie ziehen einen breiten Blutteppich hinter sich her wo auch immer sie ihre Machtgelüste ausüben. Angeblich sind sie ja die einzige verbliebene Großmacht. Das Wirken der USA empfinde ich als verurteilenswert und inhuman. Wenn nun die USA tatsächlich eine Demokratie wären, müßte ich meinen Vorwurf der (Mit-)täterschaft den Wählern in jenem Land machen. Nur gut, dass wir alle so gut informiert werden durch unsere Medien und wir das daher nicht annehmen müssen. So müssen wir uns auch nicht wirklich erheben – es ist ja sowieso zu spät! Oder immer noch zu früh?

  3. Wenn jemand entführt wird, ist die Reaktion unterschiedlich.
    Kann er das Lösegeld bezahlen, lebt er im Luxushotel. Kann er nicht stehe Gott oder Allah ihm bei.

    Nun sind die Amerikaner reich aber sie sind die Entführer.
    Wenn kümmert es bei den Politikern, wenn der Entführte schon öffters aufgefallen ist. Sie sind heilfroh, dass jemand ihnen das Problem professionel und leise abnimmt. Ausserdem geht es meistens um die Deutschen 2. Klasse.

    Alles wäre nicht in die Öffentlichkeit gekommen, wenn die Europäer verlässlich wären. Das sind sie in der Tat nicht. In der Öffentlichkeit sind alle Politiker sogenannte Demokraten. Sei ja kein Amerikafreund, sonst kannst Du die Wahlen nicht in den Sack holen.

    Die Entführten sind nicht mein Fall. Sie wollen Scharia und keine Freiheit. Als Moslem muss ich deswegen mich gegen sie rechtfertigen. Die Menschenrechte werden in Iran ausser Kraft gesetz, aber die Regierungen besonders in Deutschland sind stumm.
    Herr Al Basri verdient Beistand, weil er unrechtmässig entführt worden ist.Man konnte ihm bisher keine Straftaten nachweisen.
    Die Amerikaner waren wahrscheinlich voreilig. Jemand hat sie vielleicht auch dazu animiert.
    Ob wie bei Kommentaren zu lesen die Amerikanischen Stützpunkte geschlossen werden sollen, ist nur ein Traum. Man stelle sich vor, die Regierung würde alle Stützpunkte schliessen.
    Wie viele Arbeitslose und wirtschaftliche Schwierigkeiten die betroffenen Regionen bekommen würden und wieviele Familienleben zerstört wären, mag sich niemend vorstellen.

    Solche Entführungen sind sicherlich in der Zahl zweistellig oder mehr, die im deutschen Boden passiert sind und davon auch Deutsche betroffen sein mögen.

    Die Verantwortlichen aber sind nicht Amerikaner, sondern Deutsche Politiker.In diesem Falle sind die Amerikaner die Handlanger der jeweiligen Länder wie in Sweden und Italien. In Deutschland ist Allen voran sicherlich Herr Ex-Innenminister, der den Amerikanern erlaubt oder dies zugestimmt haben soll. Ich möchte dem Herrn Minister Ad. empfehlen sich gut zu überlegen und falls er über die Transporte Bescheid wusste, in der Öffentlichkeit lieber seinen Mund halten möge.
    Dies käme dem verantwortlichen Politiker sicherlich ähnlich vor, dass er sich etwas einziehen müsste.

    Wenn Jemand seine demokratische Rechte missbraucht, bekommt er überall Schwierigkeiten. Auch in Deutschland muss Extremismus bekämpft werden. Den meisten Entführten konnte man noch nicht Etwas nachweisen. Sie waren halt solche Probleme, die man wie in Sweden oder Italien kurzerhand weghaben wollte.

    Daher sind diese Menschen frei zu lassen.

    Aber was ist mit den Entführern der deutschen Archäologin ?
    Alle müssten dafür sorgen, dass sie freigelassen wird.

    Sogar die strenggläubigen Menschen, die eventuell die Möglichkeit hätten und für eine Nichtmoslemin ihre Ehrlichkeit vorweisen müssen.
    Diese Person hat es verdient nur allein durch Taten der Irakern befreit zu werden. Auch von den in Deutschland lebenden.

  4. Ich vermisse eine Stellungnahme Ihres Oberatlantikers Josef Joffe zum Thema. Als es um den Krieg im Irak und um George Bushs Geringschätzung jeder europäischen Meinung ging, konnte er nicht eilfertig genug das transatlantische Hohelied singen. Was sagt er jetzt?

  5. Wenn auch nur ein Teil dessen der Wahrheit entspricht, was im Umkreis der Entführungen und Folterungen berichtet wird, stellt sich die Frage, warum das alles jetzt erst publik wird. Wer hatte Interesse, daß daraus keine Staatsaktion wurde? Immer wieder: Warum jetzt erst? Wer ist von unseren Regierungen daran beteiligt? Kater

    • Niisa
    • 05.12.2005 um 0:25 Uhr

    Ich bin entsetzt über die Dinge, die ich hier lese. Ich bin entsetzt über diesen globalen Terror, der als "Krieg gegen den Terror" deklariert wird.
    Die Ermittlungen um den 11. September haben seither immer so viele Lücken aufgewiesen, dass immer genug Raum für Verschwörungstheorien da waren. Man war sich nicht sicher, wem geglaubt werden kann. Leider ist es heute nicht viel besser.
    Doch dieser Bericht ist eine unglaubliche Geschichte, die ich nicht so nicht stehengelassen wissen möchte. Ich bitte um weitere Untersuchungen und um die Publikmachung in anderen Medien. So etwas darf nicht in der Medienlandschaft untergehen. Damit wieder irgendwann alle sagen können, sie hätten es nicht gewußt.
    Ich bin wirklich sehr erschüttert, da unter diesen Umständen, wirklich von einem internationalen Faschismus gesprochen werden kann, der in erster Linie von den vereinigten Staaten ausgeübt wird und zum Teil scheinbar auch von europäischen Regierungen unterstützt wird.
    Für mich stellen sich nun viel mehr Fragen: Wer hat Susanne Osthoff wirklich entführt? Hatte die Neuwahl, die Gerhard Schröder wollte und der Rücktritt Joschka Fischer damit etwas zu tun? Was wissen sie? Gefährde ich irgendjemanden mit diesen Fragen, die ich hier aufwerfe.

    Mich erschüttert dieser Bericht zum einen, weil mir meine Hilfslosigkeit bewußt wird. Denn wir sprechen hier nicht von faschistischen Vergehen "nichtdemokratischer Staaten", vor denen wir uns eben hier in den Demokratien sicher wähnten, sondern von faschistoiden Machenschaften, die direkt von den "Guten" ausgeübt werden. Gerade eben habe ich noch in der taz gelesen, dass für eine "positive Berichterstattung" über die Amerikaner im Irak, fleißig bezahlt wurde.

    Dass mich das ganze noch auf eine andere Weise aufwühlt, weil ich selbst Muslimin bin, kann ich an dieser Stelle jedoch auch nicht leugnen.

    Sakine Subasi

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