kultur Ein Schwung eisigen Lichtes
Die Villa Aurora in Los Angeles, ein Zentrum deutsch-amerikanischen Kulturaustauschs, feiert ihr zehnjähriges Bestehen
Nirgendwo auf der Welt geht die Sonne so dramatisch unter wie im Pazifik, wenn man hoch oben an Lion Feuchtwangers Schreibtisch sitzt, den Ozean zu Füßen, oder unten auf einer der Terrassen der Villa Aurora steht, am besten mit einem gefüllten Glas in der Hand, und hinausschaut, wo der glühende Ball gleich zischend ins Wasser fallen wird.
Wenn man heute diesen Ort in Pacific Palisades sieht, wo Feuchtwanger bis zu seinem Tod 1958 gelebt und wo seine Frau Marta noch bis 1987 unter den 30000 Bänden residiert hat (bis in ihre letzten Tage, so erzählt man, sei sie täglich zum Meeresbad hinabgestiegen und dann wieder herauf, eine Stunde dauert das sicherlich), wenn man also staunend diese Sonnenuntergangsübertreibung betrachtet und die Schönheit und Pracht dieser Villa, vergisst man leicht, dass die Emigranten, die dort in Los Angeles ihre letzte Zuflucht vor den Nazis fanden, selten so wohlhabend waren wie die Feuchtwangers und dass sie vermutlich alle eine Rückkehr in die Heimat jedem Sonnenuntergang vorgezogen hätten.
Emigrant in Los Angeles zu sein ist der Regelfall, denn fast ein jeder dort ist eingewandert, aus den unterschiedlichsten Gründen und Regionen, sodass also das Schicksal der Deutschen, die sich in der Villa Aurora trafen, für die Stadt keine übermäßige Bedeutung besitzt, obwohl sie ja alle dort lebten, Thomas und Heinrich Mann, Brecht, Schönberg, Eisler, Werfel und viele mehr. Umso schöner ist es, dass dieses Haus seit zehn Jahren als Künstlerresidenz dient. Nach Marta Feuchtwangers Tod ging der Besitz an die University of Southern California, die aber nur die wertvolle Bibliothek übernahm und die Villa verkaufen wollte. Dem »Verein der Freunde und Förderer der Villa Aurora« gelang es, mit Hilfe von Lottogeldern und staatlichen Mitteln das Gebäude zu kaufen, zu sanieren und für den neuen Zweck herzurichten. Mehr als 130 Stipendiaten haben seitdem dort gewohnt und gearbeitet, Schriftsteller, Filmemacher, Komponisten, bildende Künstler.
Für den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Amerika bleibt die Problematik des Exils von Bedeutung. Politisch Verfolgte aus Nigeria, Burma, Pakistan, Kongo und Sierra Leone haben in der Villa Aufnahme gefunden. In Tagungen, Ausstellungen, Diskussionen wird dieses Kapitel der europäisch-amerikanischen Geistesgeschichte erforscht und lebendig gemacht. 2003 etwa gab es ein Symposium über den Einfluss europäischer Architekten auf die Baukultur Kaliforniens, nachzulesen in dem Band Building Paradise, der einen lesenswerten Beitrag über die Villa enthält, die sich Thomas Mann in Pacific Palisades erbauen ließ, entworfen von dem deutschstämmigen Architekten Julius R. Davidson in einem südlich gemilderten Bauhausstil. Das Haus befindet sich heute in Privatbesitz.
Die Villa Aurora feiert ihr zehnjähriges Bestehen mit einem Festakt in Berlin, mit der Ausstellung Transatlantische Impulse im Martin-Gropius-Bau, mit Konzerten, Lesungen und Filmvorführungen (Näheres unter www.villa-aurora.org).
»Das Licht ist auch am hundertsten Tag noch immer das Licht eines sich über die Stadt beugenden Chirurgen, der mit leichter Hand Eingriffe vornimmt, während seine an der Stirnkappe befes-tigte Lampe keinen Winkel auslässt und auch die Seele mit einem Schwung eisigen Lichtes ausfüllt«, schreibt der Aurora-Stipendiat Rainer Merkel in seinem Beitrag für die Festschrift und beweist, dass man angesichts der Sonnenuntergänge nicht sentimental werden muss. Ulrich Greiner
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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