Wir schreiben das Jahr 2005. Tirol wird von Seilbahnen und Skiliften durchzogen. Ganz Tirol? Nein, ein von unbeugsamen Bergbauern gehaltenes Tal leistet hartnäckig Widerstand. Seit zwanzig Jahren sträuben sich die Bewohner des Osttiroler Villgratentals mehrheitlich gegen immer wiederkehrende Pläne, ihre Hänge ans nächste Skigebiet anzuschließen. Unterwegs auf der Pürglesgungge. Unterm Nebel ruht das Villgratental, im Hintergrund stehen die Lienzer Dolomiten BILD

So blieb erhalten, was Bewohner und Besucher vieler Alpenregionen gar nicht mehr kennen: Winter in Reinkultur. Eine vom Schnee versiegelte Bergwelt mit makellosem Panorama. Es steht nichts in der Landschaft, was dort nicht hingehört. Trotzdem tummeln sich an guten Tagen Hunderte von Skifahrern an den Hängen. Doch jeder von ihnen ist sein eigener Schlepplift: Das Tal hat sich zu einem idealen Gebiet für Tourengeher entwickelt. Man könnte drei Wochen lang hier Urlaub machen und jeden Tag eine andere Route wählen.

Wenn es nur nicht so beschwerlich wäre! Stoisch schieben wir uns über verschneite Almen, den Blick auf die noch immer ferne Kreuzspitze gerichtet. 2624 Meter hoch, eine Bergbesteigung auf Skiern. Als Belohnung verheißt uns Bergführer Hannes Grüner eine herrliche Aussicht und eine zünftige Abfahrt, vor allem aber tiefe Befriedigung über die vollbrachte Leistung. Wenn Pistenfuzzis damit angeben, wie viele zigtausend Höhenmeter sie am Tag herunterreißen, sagt er nur: "Steig erst mal 500 bergauf, dann reden wir weiter."

Event heißt hier, der Bischof predigt unterm Gipfelkreuz

350 haben wir schon hinter uns. Der Hang wird steiler, der Schnee massiver. Die aufgebockte Bindung genügt nicht mehr als Steighilfe, Harscheisen müssen angesteckt werden. Damit arbeiten wir uns in Serpentinen bergan. Weiter droben stapft eine ganze Kolonne vor sich hin. Neulich bei der Bergmesse, erzählt Grüner, da sei es erst zugegangen! Ein Lindwurm aus 400 Teilnehmern sei himmelwärts gekrochen, geführt von einem geländegängigen Bischof, der dann unterm Gipfelkreuz in vollem Ornat gepredigt habe. So viel zur Eventkultur im Villgratental.

Nach drei Stunden sitzen wir auf dem weißen First. Der ganze Dolomitenkranz scheint zum Greifen nah, weit im Westen wacht der Ortler, nach Norden zu stehen die Stubaier und die Zillertaler Alpen gestaffelt, das Großglocknermassiv schließt den Ring. Tief unter uns liegt das Villgratental. Lang und v-förmig zieht es sich bis zu jener Felsenpforte hin, die es mit dem Hochpustertal verbindet. Draußen wohnen "die Landner", drinnen "die Villgrater". Bei denen die Betonung übrigens auf der zweiten Silbe liegt, in der möglichst noch etwas Tiroler Tremolo mitschwingen sollte. Hoch droben an den Sonnenlagen drängen sich die ältesten Höfe, die Urhöfe, aneinander wie Adlerjunge im Nest. Im Talgrund siedelte man erst später, des Hochwassers vom Gebirgsbach und der geringeren Erträge wegen. Am Gegenhang stehen nur wenige Häuser. Steilhänge lassen sich urbar machen, Schattenlagen nicht.

Um Licht und Schatten geht es auch beim Konflikt um das Skigebiet. Westlich des Talausgangs erhebt sich der 2400 Meter hohe Thurntaler, auf dessen abgeschrägtem Plateau sich ein Skizirkus mittlerer Größe ausbreitet. Er wird von draußen, vom Pustertal her erschlossen, nur eine Abfahrt am Rande zweigt nach Außervillgraten ab. Das Tal selbst bleibt davon unberührt, noch sind seine Hänge geschlossen bewaldet. Doch zu gerne würden die Betreiber des Skigebietes auch hier Liftschneisen schlagen und Abfahrten anlegen, schon der sonnengeschützten Nordostflanke wegen. Massentourismus wäre die Folge, Bettenburgen und Großparkplätze, dazu die allfällige Ausstattung mit Discos, Boutiquen, Fun-Park und Erlebnisbad, fürchten die Leute in Villgraten.

Die Befürworter einer Erschließung versprechen sich mehr Arbeitsplätze, höhere Steuereinnahmen, bessere Infrastruktur und mehr Prestige. Verfechter eines sanften Tourismus dagegen fürchten, dass das Tal mit dem Wald auch seine Seele verkauft. "Die Leut’ kommen hierher, weil’s anders ist", meint Bergführer Grüner, "echter, schöner, ursprünglicher." Bräche der Skizirkus erst los, sähe es hier bald genauso aus wie überall in Tirol. Nicht mit Sensationen und Superlativen solle man daher werben, sondern mit deren Abwesenheit: "Kommen Sie zu uns – wir haben nichts!" Keinen Verkehr nämlich, keine Schnee- und Schallkanonen und weder Nachtleben noch Lasershows.

Zwei Kolkraben streichen über die Grate. Fast feierlich schnallen wir uns die Skier wieder unter. Diese gleißenden Hänge haben nie eine Pistenraupe auch nur gehört. Vorsichtig wedeln wir hinein. Vor lauter präparierten Pisten haben die Füße fast vergessen, dass echter Schnee sich anders anfühlt. Dass es kein steriler Belag ist, sondern ein lebendiges Medium, dessen Beschaffenheit je nach Sonneneinstrahlung, Windrichtung und Untergrund ständig wechselt. Kurz gesagt: Auch das Abfahren ist Arbeit. Freilich eine köstliche, haben wir uns doch jeden Meter verdient.

Die letzten Schwünge bringen uns nach Kalkstein, einen Weiler im Talschluss mit einem zierlichen Kirchlein und ein paar verstreuten Höfen. Der kuschlige Kessel wurde schon oft als Kulisse für Heimat- und Bergfilme benutzt. Dass freilich manchmal ganze Busladungen von Besuchern hier einfallen, hat noch einen weiteren Grund: das Wilderergrab.