Vorratsspeicherung Jeder unter VerdachtSeite 2/2

Im federführenden Ausschuss für Bürgerrechte, Justiz und Inneres sind über 230 Änderungsanträge eingegangen. Die hohe Anzahl der Korrekturvorschläge zeigt bereits, wie umkämpft das Thema über alle Parteigrenzen hinweg ist. Der Parlamentskoordinator für die Richtlinie, der FDP-Politiker Alexander Alvaro, empfahl frühzeitig eine Begrenzung der Maßnahme allein auf Telefondaten und auf eine dreimonatige Vorhaltungspflicht. Den Ermittlern will der Liberale nur bei wirklich schweren Verbrechen Zugriff auf die Datenlager geben. Die Richtlinie soll nach fünf Jahren auslaufen. Einzelne Volksvertreter aus Spanien und Großbritannien plädieren aber für eine bis zu zweijährige Vorhaltung der Nutzerspuren.

Im Ausschuss haben sich die Abgeordneten nun auf eine Kompromisslinie geeinigt. Demnach sollen die Internet-Verbindungsdaten weitgehend aus dem Gesetz herausfallen. »Eine Abfrage von E-Mail-Daten oder der Adressen von PC-Netzwerk-Karten soll es nicht geben«, sagt Alvaro. Allein das Ein- und Ausloggen von Nutzern ins Netz müssten Provider protokollieren. Als Erfolg wertet Alvaro auch, dass Standortdaten im Mobilfunk nur am Anfang eines Gesprächs protokolliert werden sollen. Weniger erfreut ist er, dass sich Sozialdemokraten und Konservative auf Speicherfristen zwischen sechs und zwölf Monaten einlassen wollen und eine zeitliche Begrenzung der Richtlinie ablehnen. Außerdem fürchtet Alvaro, dass womöglich ein Kuhhandel dräut. Die britische Ratsführung arbeitet nämlich mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits drohte sie für den Fall der Ablehnung der Richtlinie an, die Überwachungsmaßnahmen in Eigenregie trotz heftiger rechtlicher Bedenken beim Juristischen Dienst der Ministervertretung verabschieden zu wollen. Andererseits versprach sie dem Parlament weitere Mitspracherechte in der Innen- und Justizpolitik, falls es gute Miene zum bösen Spiel machte.

Hierzulande ist das Gerangel um die Vorratsdatenspeicherung ebenfalls groß. Der Bundestag hatte sich Ende Januar strikt gegen die pauschale Beschnüffelung ausgesprochen. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries setzte sich dennoch in einem Schreiben an EU-Abgeordnete für eine sechsmonatige Speicherfrist sowohl von Telefon- als auch von Internet-Daten ein. Da gerade die Computer- und Internet-Kriminalität, die »mittels Telekommunikation begangen« wird, ohne Rückgriff auf die Datenberge »nicht aufgeklärt werden« könne, dürften Ermittlern und Geheimdiensten keine einschränkenden Zugriffsvorgaben gemacht werden. Die Aufklärungsquoten liegen in diesem Bereich aber gemäß der polizeilichen Kriminalstatistik 2004 bei 92,5 Prozent.

Kategorische Gegner der Maßnahme hoffen darauf, dass letztlich das Bundesverfassungsgericht der Datenjagd Einhalt gebietet. »Egal, welche Fristen vorgesehen und welche Daten gespeichert werden sollen, bleibt das Grundproblem, dass Informationen rein vorsorglich über alle Bürger aufgezeichnet werden sollen«, urteilt der Frankfurter Rechtswissenschaftler Patrick Breyer. Auch Geheimnisträger wie Ärzte, Anwälte und Journalisten wären betroffen. Dabei würden die Daten nur in einem verschwindend geringen Teil der Fälle gebraucht. »Das halte ich für klar exzessiv und unverhältnismäßig«, sagt Breyer.

Tatsächlich haben die Karlsruher Verfassungsrichter in einem aktuellen Urteil zur Telekommunikationsüberwachung bereits vorgesorgt. In den Schutzbereich des Grundgesetzes fällt nach ihrer Ansicht »auch die Erlangung der Kenntnis, ob, wann, wie oft und zwischen welchen Personen Telekommunikation stattgefunden hat oder versucht worden ist«. Wäre zu befürchten, dass der Staat solche Informationen verwertet, würde die von der Verfassung geschützte freie Kommunikation leiden.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn die ZEIT sich doch nicht geirrt hätte!
    Bei dem Volumen wäre das Speicherungsvorhaben wegen Absurdität gescheitert. Jetzt müssen wir auf einen anderen Torpedo warten.

  2. Sie sollten sich schon ein wenig Zeit fuer die Recherche nehmen:

    639.000 CDs/s entsprechen einer Datenrate von 3.322.800 Gbit/s (3 * 10^15 bit/s oder auch drei Millionen Milliarden) = 639.000 CDs * 650MB/CD * 8 (Bit/Byte).

    Dem gegenueber steht ein Datendurchsatz am DE-CIX von ca. 40Gbit im Durchschnitt, bzw. 240Gbit/s maximal (Quelle: www.de-cix.net).
    Einmal angenommen der Gesetzgeber wuerde tatsaechlich die vollstaendige Archivierung beinahe des Datenverkehrs am DE-CIX (also quasi des gesamten deutschen Internetverkehrs) anordnen, so laegen Sie noch immer um einen Faktor 13.000 - 100.000 falsch.

    Vielleicht koennen Sie bei der Gelegenheit ja auch erklaeren welche relevanten Verbindungsdaten es am DE-CIX ueberhaupt zu speichern gibt.

    Mit freundlichen Gruessen

    • kolli
    • 02.12.2005 um 10:00 Uhr

    Das angegebene Datenvolumen von 639.000 CD liegt sicherlich um mehrere Zehnerpotenzen daneben.
    Nehmen wir an, eine CD könne 650 MB speichern, so ergäbe sich ein Speichervolumen von 416 Milliarden MB pro Sekunde. Oder 416 Billionen Kilobyte pro Sekunde.

    Nehmen wir weiter an, wir bräuchten 1Kb für die Speicherung einer Telefon / Internetverbindung, so würden pro Sekunde
    416 Billionen Verbindungen gespeichert. Das kommt auch auf der ganzen Welt niemals zustande.

  3. Im Artikel ist die Rede von 639.000 CDs pro Tag - nicht pro Sekunde, wie oben erwähnt -, und so kommt auch nicht ein Vielfaches des Durchsatzes am DE-CIX dabei heraus, denn diese 639.000 CDs entsprechen ziemlich genau dem gesamten Datenvolumen eines Tages, wenn bei knapp 40 GBit/s alles protokolliert würde. Das ist natürlich weder geplant noch irgendwie sinnvoll.

    Utopisch bleiben die Datenberge aber dennoch, denn selbst wenn nur die Verbindungen (also nicht die ausgetauschten Daten) protokolliert würden, kämen bei durchschnittlich 50 kB pro Verbindung (HTTP-Aufruf oder E-Mail) und 0,5 kB je gespeichertem Zugriff täglich 6390 CDs zusammen. Umgerechnet wären das dann noch immer knapp 50 MB/s nur an Protokolldaten, die hier anfallen.

    Mit einem gewöhnlichen top-aktuellen PC ließe sich das schon nicht mehr verarbeiten, denn dessen Festplatten liefern Rohdaten gerade einmal mit dieser Geschwindigkeit, ohne dass auch nur die geringste Auswertung der Inhalte stattgefunden hat.

    Fazit: Unsere Politiker verrechnen sich nicht nur regelmäßig bei ihren Haushaltsentwürfen, sondern haben auch hier jedes Maß und Ziel aus den Augen verloren. Mögen Sie in ihrer grenzenlosen Gier begraben werden unter diesen Datenbergen!
    Bürgerrechte und oder die viel gepriesene Freiheit haben sie ohnehin schon längst zu Grabe getragen, oder erinnert sich noch jemand an die Haltung des Bundestags im Februar zu diesem Thema? Nicht wahr, Frau Zypries?

  4. Also:

    639.000 CD´s pro Tag - schreibt die Zeit.

    Das sind pro Stunde 26625, pro Minute 443,75, pro Sekunde ca. 7,4 CD´s. Bei einer Speicherkapazität von 800 MB pro Rohling ergibt das je Sekunde einen Bedarf nicht mal 6 GB.

    Nimmt man an, man benötigt im txt-Format ca 15 KB pro Datei ergibt das ca. 7,9 Mrd Verbindungsdatensätze/sek, was auch immer die dann enthalten.

    Diese Zahl ist recht niedrig und im Text steht, dass sie nur für das DeCIX in Frankfurt gilt.

    Und das die einzelnen Verbindungen in allen Telekommunikationsnetzen in die Billionen geht, ist überhaupt nicht abwegig, sondern Tatsache.

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