Das Festgeld

Das Weihnachtsgeld – ein aussterbendes Phänomen

Vor kurzem erzählte ein Freund von seinem Vater, der das Einkaufen sehr verabscheute. So sehr, dass er sich sogar Schuhe von seiner Frau mitbringen ließ. Einmal im Jahr zog es ihn allerdings in die Einkaufsstraße, gemeinsam mit seinen Kindern. Dann nämlich, wenn er Weihnachtsgeld bekommen hatte. Er nahm dieses Geld in Scheinen mit sich und kaufte ein, was die Kinder brauchten. Es gab Strümpfe und Hemden und Hosen, und das Schöne daran, sagte der Freund, sei gewesen, dass der Vater sich um die Preise nicht scherte, er wusste ja mangels Erfahrung kaum zu ermessen, ob ein Hemd teuer oder günstig war. So war dieser Bummel mit dem Vater ein Fest, schöner fast als der Heilige Abend, als es die richtig großen Geschenke gab, weil der Vater als Einkäufer ein Ereignis war und weil ihm das Tragen der »Spendierhosen«, wie er selbst es nannte, so offensichtlich froh machte.

Das Weihnachtsgeld kam seit Jahrzehnten wie ein warmer Regen über die Familien der Bundesrepublik. Es war kein Geld wie jedes andere, kein Geld, mit dem man Schulden fürs Haus beglich, die Waschmaschine reparieren ließ oder neue Winterreifen kaufte. Wer Weihnachtsgeld erhielt, fühlte sich dazu verpflichtet, den Weihnachtsmann zu spielen, seinen plötzlichen Reichtum nach dem Gebot christlicher Nächstenliebe weiterzugeben.

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Es gibt Anzeichen dafür, dass es bald vorbei sein könnte mit dem Weihnachtsgeld. Nur noch zwei von drei Angestellten bekommen es, so eine Schätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft. In vielen Betrieben, die sparen müssen, bleibt es aus, bei Ford in Köln zum Beispiel. Bundeskanzlerin Angela Merkel denkt gerade darüber nach, das Weihnachtsgeld für Beamte zu streichen oder zumindest zu kürzen. Und im Fernsehen läuft ein Werbespot von Peugeot, der mit den düsteren Worten eines Chefs beginnt: »Das Weihnachtsgeld fällt aus in diesem Jahr!« Um danach darüber zu informieren, dass Peugeot stattdessen einen »Weihnachtsgeld« genannten Nachlass auf seine Autos bietet.

Das Weihnachtsgeld hat in Deutschland seine Ursprünge vor mehr als hundert Jahren, als wandernde Schustergesellen von ihren Meistern ein Stück Leder erhielten, um sich daraus ein Paar Schuhe zu nähen. Um die Jahrhundertwende zahlten erste Meister Taler statt Leder. Und erst seit 1945 hat sich das Weihnachtsgeld, unterstützt von den Gewerkschaften, nach und nach in die Tarifverträge aller Branchen eingeschlichen – einmalig auf der Welt. Nirgendwo sonst hatten Arbeiter und Angestellte in den vergangenen Jahrzehnten ein derart verbrieftes Recht darauf, von ihrem Arbeitgeber an Weihnachten Geld zu bekommen. In England gibt es meistens gar nichts, in Holland sind Fresspakete üblich, in Amerika oftmals ein Truthahn und ein wenig Geld. Und so könnte das deutsche Weihnachtsgeld heute zu einem Opfer des internationalen Wettbewerbs werden: Wenn wir mithalten wollen mit den anderen, so die Meinung der Arbeitgeber, können wir uns die dicken Geschenke nicht mehr leisten. Mit dem Weihnachtsgeld jedoch würde in Deutschland ein – zugegebenermaßen vergleichsweise junger – Weihnachtsbrauch verschwinden.

Das wäre schade, nicht nur, weil ausbleibendes Geld immer zu bedauern ist. Denn das Weihnachtsgeld war die vielleicht schönste Form von Geld überhaupt. Schon sein Name gab Anlass zur Freude, anders als das Wohnungsgeld, das Krankenhaustagegeld oder das Arbeitslosengeld – Geld, das man erhielt, weil eine Not bestand, und von dem man wusste, dass man behutsam mit ihm umzugehen hatte. Ein Frevler, der sein Wohnungsgeld in Kaschmir-Schals oder Chianti umsetzte.

Wer hingegen Weihnachtsgeld erhielt, stellte sich manchmal die Frage, woher das Geld überhaupt kam. Vom Staat, vom Arbeitgeber, vielleicht vom Weihnachtsmann oder gar vom lieben Gott? Für den Weihnachtsmann sprachen die Infografiken, die die Zeitungen jedes Jahr druckten, um zu illustrieren, welche Branche wie viel Weihnachtsgeld verteilt: Darauf war mit schöner Regelmäßigkeit ein Weihnachtsmann zu sehen, einen Sack schulternd, aus dem einzelne Geldscheine flatterten. Weil der Finanzier irgendwie nicht von dieser Welt war, verpflichtete dieses Geld zu nichts.

Das Schöne am Weihnachtsgeld: Es kam auf einen Schlag. Nicht verteilt über zwölf Monate, dann hätte es niemand bemerkt, man würde seinen Konsum rasch darauf einstellen. So aber wurde ein Höhepunkt geschaffen, so gab es dem Beschenkten das Gefühl, einmal im Jahr tatsächlich reich zu sein. Mit einem halben Monatsnettolohn konnte man sich leisten, was das Jahr über an kleinen und mittleren Wünschen unerfüllt blieb. Man konnte sich damit nicht leisten: den Sportwagen, ein Ferienappartement auf Ibiza, hoch spekulative Aktien. Und damit hob sich das Weihnachtsgeld vom Lottogewinn dadurch ab – abgesehen von der erfreulichen Erwartbarkeit seines Eintreffens –, dass es seinen Empfänger nicht überforderte. Ein zusätzliches halbes Monatsgehalt kann jeder erhalten, ohne auf schädliche Gedanken zu kommen.

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