Cheers, Tessa

In Großbritannien ist die Sperrstunde gefallen - doch die alkoholische Entfesselung blieb bislang aus

London

Ein zynisches Cheers, Tessa erschien dieser Tage auf der Titelseite der Daily Mail. Unter dem Prost für Kulturministerin Tessa Jowell prangten Bilder alkoholisierter Anarchie: junge Frauen, die sich auf offener Straße erbrechen, Horden volltrunkener Jugendlicher, Schlägereien, Polizisten, die Alkoholleichen von der Straße auflesen.

Anzeige

Die Botschaft ist klar: Mit der Liberalisierung der Ausschankzeiten für Alkohol gibt eine verantwortungslose Regierung grünes Licht für den großen britischen Suff. Dabei wollte die doch das Trinken in der Öffentlichkeit eigentlich begrenzen. Und zwar so: Seit vergangenem Donnerstag darf theoretisch rund um die Uhr Alkohol ausgeschenkt und verkauft werden. Bislang hatten Kneipen in Großbritannien um 23 Uhr zu schließen. Rund 40 Prozent der 190 000 Gastwirtschaften und Clubs beantragten eine Lizenz für längere Ausschankzeiten. Die meisten von ihnen wollen lediglich am Wochenende zwei Stunden länger geöffnet bleiben.

Begierig versuchten die Medien an den vergangenen Abenden, den Beweis für die anrollende Katastrophe zu erbringen. Zeitungen schickten Reporter aus, um alkoholische Exzesse zu dokumentieren - Fernsehen und Radio schalteten live in Pubs und Vergnügungsdistrikte, um enthemmtes Jungvolk vorzuführen. Mediziner, Sozialarbeiter und Polizisten verkündeten vor Kameras und Mikrofonen den Anbruch der Alkohol-Apokalypse. Die Regierung Blair bekam kalte Füße, gab der Polizei das Recht, härter durchzugreifen und auf der Stelle Geldstrafen für Trunkenheit zu verhängen, mochte das neue Gesetz aber doch nicht stoppen.

Die alkoholische Entfesselung blieb aus. Zur bitteren Enttäuschung des schrillen Chors der Warner. Der Einbruch des Winters mag geholfen haben. Es war die vergangenen Abende eher ruhiger als sonst. Die Regierung konnte erst einmal aufatmen. So recht hat sie immer noch nicht begriffen, warum so heftig auf sie eingeprügelt wird. Vor ein paar Jahren noch wurde ihr Plan, die antiquierten Regeln abzuschaffen, beinahe einhellig begrüßt. Zuletzt aber suggerierten die massiven politischen wie medialen Proteste, dass mit der Liberalisierung der Untergang der Zivilisation anbreche. Warum?

Wir trinken nicht, wir saufen wie Proleten, schrieb ein Kolumnist. Da ist etwas dran. Binge drinking ist eine angelsächsische Spezialität. Vor allem jüngere Leute, darunter zunehmend auch junge Frauen, schütten Alkohol in sich hinein, um rasch legless oder pissed zu werden. Exzessiver Alkoholkonsum führt oft zu Krawallen, aber auch sexueller Enthemmung. Ein Gericht wies gerade die Vergewaltigungsklage einer jungen Frau ab, die im Zustand der Trunkenheit ihr Einverständnis zu Sex gegeben hatte.

Auch in good old England wurde früher viel gesoffen. Neu ist der auf Straßen und Plätzen dargebotene Hedonismus, den man Großbritanniens Beitrag zur europäischen Caféhaus-Kultur nennen könnte. Der Trend, der während der Thatcher-Jahre begann, verschärfte sich im Dauerboom der vergangenen Dekade.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service