Geschwätzig und zu distanziert
Die französischen Traditionsblätter kämpfen um ihre Leser. Diese greifen lieber zu Gratiszeitungen
Solchen Widerstand ist auch eine lebende Protestlegende nicht gewohnt. Als Redaktionschef und Herausgeber Serge July vergangene Woche seinen 334 Mitarbeitern verkündet, dass der Verlag 52 Stellen streichen muss, gibt es im überfüllten Versammlungsraum der Pariser Tageszeitung Libération einen Tumult. Du nimmst den Plan sofort zurück, brüllt ein Betriebsrat. Nein, der Plan bleibt, entgegnet der 62 Jahre alte Redaktionschef ruhig. Dann gehen wir, schallt es zurück, und der Chef bleibt allein im Saal sitzen.
In seinen 32 Jahren bei Libération hat Serge July schon öfter Redakteursaufstände erlebt. Stets konnte der ehemalige Anführer der Pariser Studentenbewegung seine Leute mit der Parole Ich oder das Chaos hinter sich bringen. Der bärtige Hüne mit Brummbass-Stimme und Silberschopf gehörte 1973 mit den Philosophen Jean-Paul Sartre und Michel Foucault zu den Gründern des Kollektivprojekts Libération. Noch in diesem Frühjahr war er der Redaktionsheld, der persönlich in Bagdad für seine entführte Reporterin Florence Aubenas gekämpft hatte. Jetzt muss sich die linke Vaterfigur von seinen eigenen Redakteuren eine Woche lang bestreiken lassen. Der Ausfall drückt den auf acht Millionen geschätzten Jahresverlust 2005 noch um eine halbe Million weiter.
Zu Glanzzeiten verkaufte das Leitmedium der Mitterrand-Ära mehr als 200 000 Exemplare täglich. Heute sind es 135 000. Als Ende 2004 nach fünf defizitären Jahren in Folge der Bankrott drohte, sorgte Serge July für ein Wunder. Er gewann den Bankier Edouard de Rothschild als neuen Teilhaber, der mit einer Investition von 20 Millionen Euro das Blatt endgültig zu sanieren versprach.
Ein Adliger bei den Maoisten, staunte das Magazin Le Point, und die Medienbranche fragte sich, was der Spross der berühmtesten europäischen Finanzdynastie beim ehemaligen Zentralorgan der Achtundsechziger suchte. Der 47 Jahre alte Pferdeliebhaber und politisch konservative Rothschild sprach indes von seiner Lust, nach der Bankierskarriere nochmals einen neuen Geschäftszweig aufzubauen. Ich werde mich niemals in die Redaktion einmischen, erklärte der Gentleman-Verleger und kündigte Investitionen für Weiterentwicklung, Auflagensteigerung, neue Supplemente und Verlagskooperationen an. Doch weil das Blatt unverändert 700 000 Euro im Monat verliert, soll es vor dem Neustart erst einmal abspecken.
Nur zehn Prozent der Franzosen lesen ein überregionales Blatt
Libération ist das deutlichste Beispiel für die Schwierigkeiten der französischen Tageszeitungen. Nach 1945 gab es in Paris achtzig Titel mit häufig landesweiter Verbreitung, heute sind es noch ein knappes Dutzend.
Allein zwischen 1997 und 2003 verloren sie über 800 000 Leser und damit zwölf Prozent ihres Stammpublikums. Nur noch zehn Prozent der Franzosen lesen ein überregionales Blatt, und ihr Durchschnittsalter ist auf 44 Jahre gestiegen.
- Datum 01.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 49/2005
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