porträt Der Entschleierer

Kanzleramtsminister Thomas de Maizière will dafür sorgen, dass Schwarze und Rote unterscheidbar bleiben

Berlin

Auch jetzt hat etwas angefangen. Aber kein Neubeginn kann so sein wie der 1989/90, nach dem Mauerbruch. Das war Anfang pur, »gigantisch«.

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Vorbei ist der erste Kulturschock, das Kanzleramt in seiner Herrschafts-Ästhetik, wo man seine Holzengel oder -bergarbeiter aus dem Erzgebirge kaum aufzustellen wagt.

Thomas de Maizière: Kanzleramtsminister; 51 Jahre alt; Sohn des ersten Generalinspekteurs der Bundeswehr (»Bürger in Uniform«), Ulrich de Maizière; Besuch des katholischsten Bonner Aloisius-Kollegs; Jurastudium; Cousin von Lothar de Maizière; aus Dresden nach Berlin importiert. Frank-Walter Steinmeier war sein Vorgänger. Im Kanzleramt ist man, wenn man gut ist, Fehlerverhinderer, aber mit viel Manövrierraum darüber hinaus.

Es eilt ihm der Ruf voraus, zu fragen und doch bereits alles zu wissen. Hört man ihm zu, fällt aber zuallererst etwas anderes auf: Da sitzt nicht nur einer vis-à-vis, den Kurt Biedenkopf zum »Kronprinzen« machen wollte, man meint geradezu den »Lehrmeister« sprechen zu hören. Die »Sachverhalte« ziehen ein ins Kanzleramt. Der »Ordopolitiker« meldet sich zum Dienst.

Die politische Klasse, sagt er, habe das Denken in Zusammenhängen zerstört

»Inszenierungen«, sagt Thomas de Maizière, seien ihm zuwider. Kulturell! Joggen, Ego zeigen, Kameras her – brrr! Nur: In der Politik ist auch die Nicht-Inszenierung rasch Inszenierung. Der Prophet der »Sachverhalte«, Biedenkopf, machte diese Haltung geradezu zum Stil, was in Sachsen des Königs Popularität beförderte. Diskursiv waren der Medien-Kanzler Schröder und sein Steinmeier auch, vielleicht auf andere Weise. Andererseits wiederum: Die perfekte Zurückhaltung seines Vorgängers erschien de Maizière wohl fast kokett.

Dieses Plädoyer, den »Sachen« Priorität zu geben, zielt aber viel weiter als auf Schröder/Fischer. Als »Erzübel« der Republik betrachtet es de Maizière, auch darin aus Überzeugung Biedenkopf-Adept, wie »Einzelinteressen durch den Aufbau von Fachbruderschaften systematisch verschleiert« werden, und das sei »Schuld der Politiker«.

Das »Denken in Zusammenhängen«, holt Thomas de Maizière weit aus, sei durch die politische Klasse systematisch zerstört worden, und nun müsse man eben darangehen, die jeweiligen Interessenlagen »offen zu legen« und die vertikalen Fachbruderschaften ebenso systematisch zu »zerschlagen«. Nur logisch, dass sich mit dem Arbeitgeberverband kein »Bündnis« schließen lässt, BDA-Präsident Hundt sowie DGB-Chef Sommer ziehen ohnehin an einem Strang, man denke nur an den Pakt zur Frühverrentung.

Das transparent zu machen, sieht er sehr selbstbewusst auch als seinen Job an, nur als Abläufe-Chef sieht er sich gewiss nicht. Weg mit dem Vorhang! Wie geht das? Automatisch erinnert man sich an Kanzler Kohl und seinen Freund Biedenkopf – der allerdings, bewahre!, nie im Kanzleramt arbeitete. Die Freundschaft mündete in tiefstem Missklang. Generalsekretär Biedenkopf strahlte eine Art struktureller Überlegenheit aus, was Kohl nicht aushielt, und schließlich witterte er ein Komplott Biedenkopf/Strauß gegen ihn, da war alles aus.

Wie ein Problem gelöst werden kann, bis wann und mit wem – diese Reihenfolge in der Herangehensweise Angela Merkels findet de Maizière einfach richtig. Kohl wollte zuerst wissen, wer ihm hilft, bis wann – und schließlich vielleicht auch noch, wie. Will de Maizière als Amtschef im Hintergrund bleiben? Unterschiedlicher könnten die Modelle seit Adenauers Zeiten kaum sein. Vier Prachtexemplare habe die Bundesrepublik vorzuweisen, blickt ein intimer Kenner zurück, der lange an Kabinettstischen saß: Adenauers Hans Globke, trotz und wegen seiner höchst anfechtbaren Rolle in den Hitler-Jahren, steuerte über die Staatssekretäre in den Ressorts die ganze Regierung im Sinne des Kanzlers und verschloss sich total der Öffentlichkeit.

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