Klassik Aus dem Fjord auf den Tanzboden

Der Norweger Truls Mørk spielt Bachs sechs »Suiten für Violoncello solo«

Pablo Casals, der ungekürte spanische Nobelpreisträger des Violoncellos, benötigte für das Unternehmen genau 47 Jahre. Ganz jung war er, als er Johann Sebastian Bachs sechs Suiten für Violoncello solo kennen lernte. Zwölf Jahre nahm er sich Zeit, sie ausgiebig zu studieren und dann erstmals im Konzert zu spielen. Weitere 35 Jahre vergingen, bis er sie für die Schallplatte aufnahm. Ein Lebenswerk. So lange wollte Truls Mørk nicht warten.

Der norwegische Cellist, längst einer der Größten seiner Zunft, ist kein Haudegen, kein Wikinger, kein Waldarbeiter. Er liebt es, wenn das Holz atmet, wenn es sanft knarrt und seine gewaltige Resonanz aufspannt. Sein Cello hat der berühmte Domenico Montagnana gebaut, und zwar im Jahr 1724. Da waren Bachs Suiten, in Köthen komponiert, knapp vier Jahre alt. Montagnana kannte sie natürlich nicht. Aber sein Instrument ist ihnen wie auf den Leib geschreinert.

Anzeige

Natürlich nützt das schönste Cello nichts, wenn einer drakonisch daran herumsägt. Mørk sägt nie, er ist ein Tänzer, der sein Cello meisterlich führt wie seine Partnerin. Er liebt Ausfallschritte, Drehungen, Einlagen, Pirouetten, Verzierungen. Den Boden berührt er allenfalls auf Zehenspitzen. Es sind ja lauter Tanzsätze, die stets von einem Prélude eröffnet werden, und immer ist es das Initial zu einer großen Erzählung, die auf einem einsamen barocken Tanzboden vorgetragen wird. In strenger Ordnung folgen Allemande, Courante, Sarabande und Gigue. An der vorletzten Position erlaubte sich Bach die Wahlfreiheit zwischen Menuett, Bourrée oder Gavotte.

Bach war kein gelernter Cellist, aber er kannte Christian Ferdinand Abel, der in seiner Köthener Kapelle wirkte. Ihm hat Bach oft genug auf Finger und Bogen geschaut. Drei Suiten lang benahm sich Bach beim Komponieren unauffällig. Die vierte ist bereits ein Kabinettstück für Techniker und Denker; ihre Gigue ist die virtuoseste. Zur 5. Suite änderte Bach die Skordatur, eine Saite musste umgestimmt werden. Zur 6. Suite verlangte er ein fünfsaitiges Cello. Einer wie Mørk spielt es ohne Substanzverlust auf seinem viersaitigen. Manchmal muss er dabei ein paar Tricks verwenden, aber die bemerken nur Fachleute wie er selber.

Wunderbar gelingt es Mørk, die Musik als erhabene Ereignisse abzubilden, bei denen sich der harmonische Grund in die Waagerechte spannt: Melodien, die sich das Ohr zu Akkorden zusammenhört. Trotzdem klingt das alles so wunderbar leicht, dass man vergisst, wie schwer es ist. Mørk musiziert auf Stahlsaiten, aber er macht sich die Weisheiten der historisch informierten Aufführungspraxis souverän zu Eigen. Er stichelt und strichelt, fegt und harkt, schmeichelt und grollt. Die Musik bleibt klar wie Wasser im Fjord. Unbemerkt gehen Tänzer Mørk und Partnerin Montagnana eine dermaßen unauflösliche Einheit ein, dass man sie nur noch als Paar wahrnimmt. Dafür kann man in der A- und in der B-Note nur höchste Punktzahlen in die Luft halten.

J. S. Bach: Suiten für Violoncello solo BWV 1007 bis 1012, Truls Mørk
(Virgin/EMI 5 45650, 2 CDs)

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle (c) DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Johann Sebastian Bach | Klassik | Pablo Casals | Cello | Musik | Wikinger
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service