Nur dringende Fälle wurden noch behandelt, der Betrieb stand still. Einige Stunden lang legten demonstrierende Ärzte in der vergangenen Woche das größte Uniklinikum Europas lahm. Und der Protest an der Berliner Charité war nur der Anfang. BILD

Schon dem Ausstand in Berlin schlossen sich 20 Unikliniken im ganzen Bundesgebiet an. Geht es nach der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, werden am kommenden Dienstag auch kommunale Krankenhäuser bestreikt. Die Hauptforderung ist überall gleich: 30 Prozent mehr Gehalt.

30 Prozent? Angesichts chronisch leerer öffentlicher Kassen, fast fünf Millionen arbeitslosen Deutschen und sinkenden Reallöhnen für "normale" Arbeitnehmer klingt das völlig überdimensioniert. Ist es aber nicht, sagt Frank Ulrich Montgomery, der Chef des Marburger Bundes. Aus heiterem Himmel hatte Montgomery im September der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di das Mandat für die Gehaltsverhandlungen mit den Arbeitgebern entzogen. Sein Diktum: Die Ärzteschaft werde von ver.di nicht mehr ausreichend repräsentiert.

Bei den Ärzten scheint dieser Schritt gut anzukommen. Allein in Nordrhein-Westfalen verzeichnet der Marburger Bund seit der Trennung von ver.di 4000 neue Mitglieder. Die Forderung nach 30 Prozent Lohnaufschlag begründet Montgomery damit, dass den Klinikärzten das Urlaubsgeld gestrichen, das Weihnachtsgeld gekürzt und die tarifliche Wochenarbeitszeit von 38,5 auf bis zu 42 Stunden verlängert wurde. Er verweist auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Danach ist das reale Monatsgehalt eines Arztes heute 7,5 Prozent niedriger als noch 1993. Glaubt man dem DIW, hat ein deutscher Jungmediziner unter 35 Jahren ein Einkommen von 2009 Euro pro Monat.

Falsch, sagt Thomas Böhle, der Präsident des Verbands kommunaler Arbeitgeber (VKA) und einer der Gegenspieler Montgomerys. Nach seinen Worten ist es bei dem noch mit ver.di neu ausgehandelten Tarifvertrag nicht zu größeren Einschnitten für die Ärzte gekommen. Außerdem: Ärzte verdienten noch immer mehr als andere Akademiker im öffentlichen Dienst.

Verantwortlich für die "maßlos überzogenen" und "realitätsfernen" Gehaltsforderungen des Marburger Bundes ist nach Meinung des Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Wolfgang Pföhler, denn auch anderes. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs müssen die Bereitschaftsdienste von Ärzten künftig voll als Arbeitszeit angerechnet werden. Bislang wurde mit diesen Diensten das Gehalt aufgebessert. Wäre das nicht mehr möglich, entginge den Medizinern durchschnittlich ein Drittel ihres Lohnes. Dieser Verlust, glaubt Pföhler, solle nun mit hohen Lohnforderungen ausgeglichen werden.

Aber auch das ist möglicherweise nur die halbe Wahrheit. Zum einen hält Pföhler selbst die Anerkennung der Bereitschaftsdienste als volle Arbeitszeit für unbezahlbar und deshalb völlig illusorisch. Zum anderen ist die Bundesrepublik mit einem neuen Arbeitszeitgesetz der Maßgabe der EU zwar auf dem Papier nachgekommen. Seither gilt jedoch eine Übergangsregelung, die es den Krankenhausträgern erlaubt, weiterhin Bereitschaftsdienste zu fahren. Die Folge: Nach wie vor schieben Ärzte Dauerschichten von bis zu 36 Stunden.