Der alte Mann auf dem Foto strahlt glücklich in die Kamera. Über seinen Kopf hält er ein bizarres Gebilde, zusammengebastelt aus Herrenschirmen und Holzlatten. Hartmut Kraft, Nervenarzt und Kunstsammler aus Köln, erinnert sich noch genau an die Szene, als er dieses Foto aufnahm. Es zeigt den an Schizophrenie erkrankten Künstler Gustav Mesmer, der seinem Besucher bei dieser Gelegenheit den Drei-Schirm-Gleiter präsentierte, ein von ihm gebautes Fluggerät. Der erste Test freilich ging daneben. Statt elegant durch die Luft zu segeln, krachte der Gleiter auf die Erde. Den Konstrukteur focht der Misserfolg nicht an. Das sind ja nur Vorbereitungen, erklärte er dem Arzt. Im Wald neben seiner Werkstatt werde er später von einer zwei Meter hohen Sprungschanze abspringen und das Gerät erneut testen.

Das war 1984, Mesmer war damals 81 und hatte 52 Jahre seines Lebens dem Traum vom Fliegen gewidmet. Der Ikarus von Altshausen zeichnete unermüdlich Pläne für Flugfahrräder, baute Modelle, testete Konstruktionen. Einige Entwürfe hat Hartmut Kraft damals gekauft - um sie jetzt in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zu zeigen. Zusammen mit Werken der ebenfalls schizophrenen Künstler Karl Junker, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Blalla W. Hallmann und Theo W. sind sie bis zum 2. April 2006 unter dem Titel Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen. Hier, in der ehemaligen Pathologie Rudolf Virchows, wo sich die Besucher vor Vitrinen mit in Alkohol eingelegten Missgeburten, von Metastasen zerfressenen Rippen, stacheligen Nierensteinen oder durchlöcherten Mägen gruseln, werden nun die Nöte der Psyche gezeigt mit Zeichnungen, Gemälden und Konstruktionsplänen, Fotos und Filmen.

Als bei Gustav Mesmer 1929 Schizophrenie diagnostiziert wurde, war er kaum 26 Jahre alt. Und auch wenn er in der Heilanstalt Schussenried von den Patientenmorden der Nationalsozialisten verschont blieb, fühlte er sich doch bedroht und eingeengt. Er wollte da weg. Ich will fliegen von Ort zu Ort, wie ein Vogel, mit einem Fahrrad, wohin ich will. Nicht in einer riesigen Maschine eingesperrt, sondern mit der eigenen Muskelkraft. Nicht nach Paris oder New York, sondern einfach ins nächste Dorf. Ein Fehler Gottes sei es, dem Menschen keine Flügel zu geben. Irgendwie musste er das technisch ausgleichen. Oder es zumindest versuchen.

Das große Talent ist in der Psychiatrie so selten wie im normalen Leben

Diese Eigen-Welten seien typisch für psychisch Kranke, sagt Kraft. Den Spruch von Genie und Wahnsinn findet er allerdings eher ärgerlich. Die Bilder, die der Sammler für die Berliner Ausstellung zusammengestellt hat, seien Kunstwerke, betont er. Keine Produkte einer modernen Gestalttherapie, sondern die Werke von fünf Künstlern, die zufällig auch an einer Psychose litten und deren Schaffensdrang sich in einigen Fällen selbst unter den Bedingungen der geschlossenen Abteilungen vor 1945 einen Weg bahnte. Ihr Talent sei in der Psychiatrie so selten wie im normalen Leben. Dennoch sei die Kunst von psychiatrischen Patienten anders, sagt Kraft. Sie malten Bilder, die kaum von den Ideen und Kunstströmungen der jeweiligen Zeit beeinflusst seien - völlig eigenständige, eigenwillige Werke. Das fasziniert mich, sagt er.

Da ist er nicht der Einzige. Als 1922 der Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn sein einflussreiches Buch über die Bildnerei der Geisteskranken veröffentlichte, wollte nicht nur er sich dem merkwürdig Fremden der 5000 Bilder und Objekte seiner Heidelberger Sammlung annähern. Die Publikation bot auch Künstlern wie Paul Klee oder Max Ernst eine scheinbar unverfälschte Kreativität als Inspirationsquelle.

Doch diese unverfälschte Kreativität hat eine Kehrseite, sagt Kraft heute.