Diese Zeit steht unter keinem guten Stern. Die Eliten predigen Wasser und saufen Wein. Sie beschwören Tugend und Sitte und denken doch nur an sich selbst. Die Zukunftsangst wächst, Sekten und dionysische Naturanbeter schießen wie Pilze aus dem Boden. Am schlimmsten jedoch ist der Krieg, den die Supermacht gegen einen Schurkenstaat vom Zaun gebrochen hat. Gefangenen wird die rechte Hand abhackt, gefoltert werden sie auch. Einst Vorbild der Völker, versinkt die Polis im Morast der Schändlichkeit, in Lug und Trug. Dieter Dorns "Bakchen" in München BILD

Die Niederlage vor Augen, verlässt ein alter Dramatiker die junge Demokratie. Seine Stücke gelten als schwierig, verworren und düster. Ohne Hoffnung schleppen sich seine Menschen über das lichtlose Plateau auswegloser Konflikte. Dem Publikum missfällt dies sehr, denn es lechzt nach Glanz und Ruhm. Es will anständige Stücke, und die sollen anständig gespielt werden.

Euripides hieß der Dichter, der gegen Ende des peloponnesischen Krieges, im Jahre 408 vor Christus, im biblischen Alter von fast achtzig Jahren Athen den Rücken kehrte und nach Makedonien auswanderte. Dort schrieb er eine Tragödie, deren Handlung von so jäher Grausamkeit ist, so eruptiv in ihrem Hass und so maßlos in ihrem Opferverlangen, dass es allen, die sie sehen, noch heute einen Schauer über den Rücken jagt. In den Bakchen fällt der Himmel auf die Erde, und ein grausamer Dionysos macht die Welt zum Grab.

Der Anlass für seinen Vernichtungsfuror scheint kaum der Rede wert. Dionysos kehrt in seine Geburtsstadt Theben zurück, im Schlepptau eine Schar ausgelassener Bacchantinnen. Dem regierenden König Pentheus ist der bunte Haufen ein Dorn im Auge, zumal auch seine Mutter Agaue zu den Naturfreunden übergelaufen ist. Erst recht weigert er sich, im Anführer der Bakchen den Sohn des Zeus zu erkennen. Mit dieser säkularen Revolte gegen den erscheinenden Gott besiegelt der ungläubige Pentheus seinen Untergang. Dionysos stachelt die Bakchen gegen ihn auf; in mörderischer Trance zerstückelt Agaue, die glaubt, einen jungen Löwen vor sich zu haben, ihren Sohn. "Mutter, schrie er und berührte ihre Wange mit der Hand, ich bin es, Pentheus, dein eigener Sohn."

Wer fehlt uns heute: Ein kühler Pentheus oder ein vitaler Dionysos?

Die Bakchen sind das Stück der Stunde. Zu sehen sind sie unter anderem in Frankfurt, in München gleich zweimal, aber auch in Amsterdam in der Vertonung von Hans-Werner Henze. Überall wird das Stück von Deutungen bestürmt und belagert, doch allesamt perlen sie ab und lassen die Tragödie am Ende so rätselhaft dastehen wie am ersten Tag. Auch die uralte Frage, mit welcher Figur wir es denn halten sollen, ist drängend wie eh und je. Ist es Pentheus, der in einer chaotischen Welt Ordnung schaffen will? Oder ruht alle Hoffnung auf Dionysos, der Chaos in die gottlose Ordnung bringt und das Volk von den leeren Blechnäpfen seiner kalten Vernunft zurückführt zum Sinn des Lebens und zur Fülle des Daseins?

Hans-Werner Henzes Oper Die Bassariden, deren Libretto sich eng an Euripides anlehnt, lässt keinen Zweifel, welchen Geist sie atmet und wessen Lied sie singt. Das gewaltige, 1966 in Salzburg uraufgeführte Werk durchzieht zweifacher romantischer Protest – musikalisch opponiert es gegen den Formalismus der Neuen Musik, inhaltlich gegen die sinnenfeindliche Sachlichkeit einer "verwalteten Welt". Mit Leib und Seele ruft Henzes Dionysos zum Aufstand gegen die Götzen der Nüchternheit, und mit seiner vitalistischen Axt zertrümmert er das gefrorene Meer ihrer Gefühle.