Schulsuche Kleiner Fisch ganz groß

Warum die beste Schule nicht auch das Beste für jedes Kind sein muss

Das Johanneum in Hamburg soll es sein. Oder das Graue Kloster in Berlin. In München vielleicht das Wilhelmsgymnasium. Natürlich wollen Eltern das Beste für ihr Kind. Klar, dass es auch die besten Schulen sein sollen. Seit mehr und mehr Bundesländer anfangen, mit Hilfe von Rankings und Schulporträts den Wettbewerb zwischen den Schulen anzukurbeln Nr. 49/05), hat das Schulshopping Konjunktur. Doch die vermeintlich beste Schule muss nicht zwangsläufig die beste Schule für ein Kind sein, warnen Bildungsforscher. Manches kluge Kind wäre besser auf einem schlechteren Gymnasium oder sogar einer Realschule aufgehoben.

Grund ist ein Phänomen, das Psychologen als Big-Fish-Little-Pond-Effect (Fischteicheffekt) bezeichnen. Der kann dazu führen, dass das rationale Verhalten von Eltern, die beste Schule auszusuchen, sich negativ auf das Selbstbild ihrer Kinder auswirkt, was langfristig wiederum deren Leistungen beeinträchtigt. Der Fischteicheffekt erklärt, warum Schüler selbstbewusster sind, wenn sie leistungsschwache Klassenkameraden haben.

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Selten beschreibt ein Name so gut, worum es geht: Man stelle sich einen kleinen Teich vor, und darin schwimmt ein großer Fisch. Klar, dass sich der Fisch ziemlich wichtig vorkommt. Ein Argument für Eltern, ihre Kinder auf Gymnasien mit weniger leistungsstarken Schülern zu schicken. »Psychologisch gesehen, sind zum Beispiel Hochbegabtenklassen eine große Belastung«, sagt der Berliner Psychologieprofessor Ralf Schwarzer. »Die Schüler können sich nicht mehr sonnen im Licht der Leistungsverteilung.« Sätze, die dem Trend zu Schulporträts und Rankings eine ironische Note verpassen: Kluge Eltern schauen sich die Listen möglicherweise besser von unten an.

Und noch mehr als das. Die Geschichte vom großen Fisch besagt, dass es im Zweifel sogar besser ist, ein Kind in die Realschule statt aufs Gymnasium zu schicken, oder anders ausgedrückt: lieber kleiner Teich als großer Ozean. »Bei einem emotional sehr labilen Schüler würde ich dazu neigen, ihm eine Selbstkonzepterhöhung zu vermitteln.« So formuliert das Ralf Schwarzer. Also kein Gymnasium um jeden Preis. Doch vielerorts läuft es andersherum. Gerade Eltern aus der Mittel- und Oberschicht lassen nichts unversucht, um ihren Kindern den Zugang zum Gymnasium zu ermöglichen, obwohl so schon 10-Jährige unter extremen Leistungsdruck geraten und in der Realschule besser aufgehoben wären.

»Dabei gibt es alternative Wege zum Abitur«, sagt Ulrich Trautwein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. »In Baden-Württemberg erwirbt inzwischen ein Drittel der Abiturienten die Hochschulreife an beruflichen Gymnasien. Die meisten waren vorher auf der Realschule.« Doch viele Eltern wissen von solchen Alternativen wenig, melden ihre Kinder gleich im Gymnasium an – und nehmen so unnötigen Druck in Kauf.

Allerdings ist der Big Fish zwar ein Argument für mehr Durchlässigkeit im Schulsystem, keineswegs aber eine Aufforderung zur Gleichmacherei oder zur Einheitsschule, denn interessanterweise sind es die Leistungsschwächsten, die am meisten vom Fischteicheffekt profitieren: die Haupt- und Sonderschüler. Ihr Selbstwertgefühl verbessert sich rapide, sobald sie die Grundschule verlassen haben und sich erstmals in einer Gruppe Gleichaltriger wiederfinden, die ihnen nicht ständig ihre intellektuelle Unterlegenheit vor Augen führen. So demonstriert eine Studie überraschende Lernfortschritte etwa im Leseverständnis in den oberen Klassen an Sonderschulen: Die Schüler holen das nach, was sie in der Gundschule verpasst haben. »Das hätte ich so nicht erwartet«, sagt der Bildungsforscher Rainer Lehmann von der Berliner Humboldt-Universität, der die Studie geleitet hat.

Leser-Kommentare
  1. Ich muss meiner Vorschreiberin Aurelie absolut Recht geben - obwohl ich gut zehn Jahre älter bin als sie, musste ich während dieses Artikels lebhaft an meine eigene Schulzeit zurückdenken. Ich bin Österreicher und war mit 10-14 Jahren auf einer Art Gesamtschule, und da ich leider auch an Hochbegabung litt und der große Fisch im Klassenteich war, musste auch ich mit allen Konsequenzen leben, mit denen man wegen Begabung in der deutschsprachigen Neidkultur konfrontiert wird und die dieser ansonsten gute Artikel leider unterschlägt. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass es für das Selbstbewusstsein eines Jugendlichen zuträglicher sein sollte, ein verhältnismäßig kleiner, aber akzeptierter und sozial involvierter Fisch in einem Teich mit größeren Fischen als eben der big fish zu sein.

    Letztendlich halte ich aber jeden Versuch, auf das Selbstbewusstsein eines Kindes mit solchen Maßnahmen bewusst Einfluss nehmen zu wollen, für grenzenlos naiv. Es mag schon so sein, dass die großer-Fisch-kleiner-Teich-Kombination einem Kind öfter nützt als schadet, aber ich bezweifle, dass das wissenschaftlich glaubwürdig untersucht werden kann - man hat hier wohl immer ein Stichprobenproblem, weil man unter normalem Aufwand eben nicht die Fähigkeiten der Kinder bestimmen kann, sondern nur deren schulische Leistungen - die davon stark abweichen können.

    In jedem Fall aber spielen enorm viele Faktoren mit (etwa die Fähigkeiten des betroffenen Kindes, die Fähigkeiten seiner Klassenkameraden, die Reife und soziale Kompetenz aller Beteiligten, die Frage, ob es noch ein begabteres Kind gibt, das den ärgsten Neid abfängt, die Quellen, aus denen ein Kind sein Selbstbewusstsein gewinnt (soziale Anerkennung und schulische Leistungen gewichtet jeder individuell), die Frage, inwieweit Lehrkräfte Konflikte erkennen und entschärfen können etc), dass Eltern oder Pädagogen unmöglich in irgendeiner Form vorausplanen könnten, was das Beste für ihr Kind ist. Selbst, wenn sie ihr Kind kennen würden (was selten genug der Fall ist) und fundiertes psychologisches/pädagogisches Fachwissen hätten, so sind soziale Situationen doch viel zu komplex, um kalkulierbar zu sein. Dieser Artikel kann interessante Einblicke in psychologische Vorgänge geben, aber Handlungsanleitung kann er nicht sein. Ein winziger Faktor kann einen Schüler zum bewunderten Klassenprimus oder zum gemobbten Außenseiter machen, der lange braucht, um sein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen und soziale Kompetenzen nachzulernen, wie es in meinem Fall leider war.

    Unterm Strich ist Schulzeit Glückssache.

  2. Dieser Artikel mag wohl auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, doch haben diese mit der Realität eher wenig zu tun. Wenn sich ein Schüler durch bessere Leistungen von seinen Klassenkameraden abhebt, fühlt er sich nicht besser, sondern sein Selbstbewusstsein wird massiv geschwächt. Dafür gibt es einen Grund: Mobbing durch die Klassenkameraden, wahrscheinlich aus Neid. Ich, eine 14-jährige Gymnasiastin, kann da aus eigener Erfahrung sprechen.

    Als ich von der Grundschule auf das Gymnasium kam, fing es an. Wenn ich gute Noten schrieb, bekam ich "Streber!" oder ähnliches zu hören. Ich hatte zwar immer Freunde, diese verteidigten mich aber nicht besonders. In der 6.Klasse wurde ich in ein Förderprogramm für Hochbegabte (ich kann dieses Wort bis heute nicht ausstehen) im Naturwissenschaftlichen Bereich aufgenommen. Als ich den Bescheid bekam, angenommen worden zu sein, fing ich an zu weinen. Ich versuchte es zu vertuschen und begann zu lügen. Ich stritt beinahe jeden Abend mit meinen Eltern, bis ich nach einem Jahr aufhören durfte. Ich war psychisch, auch wegen der ganzen Lügen, ziemlich am Ende und hoffte, dass sich das Mobbing lege. Es ging aber genau so weiter. Ich fing an, meine Lehrer zu beleidigen, um das Image des Strebers los zu werden. Ich machte im Unterricht weniger mit und störte und provozierte, wo ich nur konnte. Als ich mich mit Klassenkameraden wegen deren rassistischen Äußerungen anlegte, wurde ich richtig unter Druck gesetzt. Immer wenn ich etwas sagte, wurde von hinten dumm gegrölt. Das führte dazu, dass ich meine Mitarbeit weiter einschränkte und irgendwann begann ich, mir in den Arbeiten auszurechnen, wieviel ich schreiben "dürfe", damit ich bloß keine zu gute Note bekäme.
    Die Wende kam dieses Jahr, als mein größter Feind die Klasse verließ. Ich denke auch, dass meine Klassenkameraden reifer geworden sind. Mittlerweile habe ich mehr Selbstbewusstsein und traue mich auch wieder, gute Noten zu schreiben. Ich werde häufiger gefragt, woher diese kommen, ich sei doch sonst nicht so gut gewesen.Auf die Antwort scheint niemand zu kommen. Seit einiger Zeit kann ich darüber reden, vielleichtist dieser Kommentar eine Art Selbsttherapie.

    Wenn Sie über die Schule ihrer Kinder zu entscheiden haben, kann ich ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass eine Schule, ind der Ihr Kind nur "Mittelmaß" ist, besser für es ist.

    Eine 14-jährige Gymnasiastin aus Baden-Württemberg

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