Am Tag, an dem sich Axel Marx’ Gesprächspartner als Mörder entpuppte, saßen sie an einem großen Holztisch in der Justizvollzugsanstalt Mannheim, rauchten gemeinsam ein paar Zigaretten und tranken Latte Macchiato. Axel Marx freute sich, endlich mit dem Mann zu sprechen, den er schon länger kannte und der sonst immer so still und zurückhaltend war. "Ich hatte Streit mit dem Taxifahrer", sagte der andere zwischen zwei Zigarettenzügen. "Und dann hab ich ihn abgestochen."

Mittlerweile hat Axel Marx ein Jahr Erfahrung mit dem Knast. Viele Dinge sind für ihn normal geworden, wie er sagt, auch die Mörder; aber dieses Ereignis von damals kann er nicht vergessen: "Da wird einem der Mensch sympathisch, und dann ist das so, als ob er dir mit der Bratpfanne auf den Schädel haut."

Marx selbst hat nichts verbrochen. Er ist 29 Jahre alt, Jurastudent im zehnten Semester, und einmal pro Woche geht er freiwillig ins Gefängnis. Redet mit den Gefangenen in der JVA Mannheim, jeden Mittwoch von 19 bis 21 Uhr. Gibt wie heute seinen Ausweis ab, schließt den Rucksack ein; wartet mit Julia, Anna, Aline, Horst und den anderen vor einer Tür, auf der "Zum Besuch" steht und die schwarzen Buchstaben schon langsam von der Scheibe blättern.

Sie alle sind Mitglieder der "Kriminologischen Haftgruppe" der Universität Heidelberg, Verbindungsglieder zwischen dem Drinnen und dem Draußen, der Strafrechtstheorie und der Praxis hinter Gittern. Scheine gibt es für ihren Einsatz nicht, dennoch ist das Interesse an der Arbeitsgruppe seit ihrer Gründung vor über 20 Jahren ungebrochen. 33 angehende Juristen, Psychologen, Soziologen und Pädagogen besuchen derzeit Männer in der Strafhaft in Mannheim, Frauen in der Untersuchungshaft in Heidelberg, bald werden sie auch Freigänger treffen. Mittlerweile hat der kriminologische Klassiker aus Heidelberg an einem halben Dutzend Universitäten in Deutschland Nachahmer gefunden.

"Unser Besuch soll auf die Gefangenen resozialisierend wirken. Wenn sie sich mit uns vernünftig auseinander setzen können, gelingt ihnen dies auch wieder draußen", hofft Gruppenleiter Horst Beisel, 49, vom Kriminologischen Institut. Damit diese Auseinandersetzung auch richtig in Gang kommt, darf immer einer ein Thema vorgeben, über das er reden will: Über den Amoklauf von Erfurt und die Große Koalition haben sie schon diskutiert. Einmal hat einer etwas über Tattoos erzählt, ein anderer von seiner Heimat Litauen berichtet. Wenn sich niemand vorbereitet hat, dann spielt die Haftgruppe einfach "Montagsmaler" mit den Gefangenen – aber an diesem Mittwochabend geht es um die Wurst.

"Die spannendste Frage ist: Warum hat jemand etwas getan"

"Das Fett vom Rücken ist gut geeignet für die Salami", hebt Rainer zu seinem Lieblingsthema an, nachdem die Studenten hineingelassen worden sind und sich mit den Gefangenen im Freizeitraum an den großen runden Holztisch gesetzt haben, der ein bisschen an einen Stammtisch erinnert. Nur wer bereits Lockerungen im Vollzug erreicht hat, darf an den Treffen teilnehmen. Rainer ("Ich studiere JVA") ist ein gemütlicher Mittdreißiger mit Brille. Er hat als Metzger gearbeitet, bis er auf die Idee kam, Banken zu überfallen. "…dann wird das Eis zugeschüttet…" Der Mann aus Westafrika neben ihm gähnt. Er versteht kaum Deutsch, vor ihm liegt neben einem Wörterbuch auch The unlikely Spy von Daniel Silva. "…das Brät füllt man dann in verschiedene Kunstdärme…"