Die Anrede war förmlich ("Sehr geehrte Damen und Herren"), doch was folgte, ließ die Empfänger erzittern. "Es klang wie die Aufforderung zur Denunziation", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter der Berliner Charité. Und seitdem ist die Empörung am Klinikum groß.

Schon ein einziger Brief zeigt eben manchmal, wie hart der Arbeitskampf zwischen einem Krankenhaus und den angestellten Ärzten werden kann.

Konkret geht es um ein Schreiben, dass der Vorstand der Charité an die Führungskräfte der Klinik verschickte. Das Datum: 23. November. Der Inhalt: eine Anleitung zum Umgang mit streikenden Ärzten. Die drei Unterzeichner – Vorstandschef Detlev Ganten, Klinikumsdirektor Behrend Behrends und Dekan Martin Paul – bitten die Führungskräfte, "alle Mitarbeiter/innen, welche sich an Streikmaßnahmen beteiligen, namentlich zu ermitteln". Darüber hinaus gehe es darum, "in den jeweiligen Einrichtungen Leitungskräfte zu bestimmen, die die Arbeitsniederlegung begleiten und die Einzelheiten (Dauer, Teilnehmer, besondere Vorfälle, etc.) schriftlich dokumentieren und diese … weiterleiten".

Für einige Führungskräfte klingt das nach Spionage im eigenen Haus. "Die Leute waren entsetzt", sagt ein Arzt.

Am 24. November kommen Führungskräfte und Vorstand zusammen, die Sitzung dauert anderthalb Stunden. Ein Mitarbeiter sagt, es sei "sehr turbulent zugegangen". Am Ende ist klar: Es gibt ein neues, entschärftes Schreiben.

Das kommt wenige Tage später. Jetzt heißt es nur noch: "Bitte stellen Sie in der Ihnen geeignet erscheinenden Weise die Dokumentation der Fehlzeiten durch die Beteiligung der Mitarbeiter/innen an möglichen Streikmaßnahmen sicher." Das Klima innerhalb der Charité aber bleibt vergiftet.

Am Montag dieser Woche – die Streiks sind da schon wieder vorbei – lassen die Mitarbeiter ihrer Wut freien Lauf. In der Fakultätsratssitzung meldet sich eine aufgebrachte Professorin der ehemaligen Charité Ost und erklärt, die Aufforderung zum Ausspionieren der streikenden Mitarbeiter habe gerade bei Kollegen aus dem Osten für unglaubliche Aufregung gesorgt. Vorstandschef Ganten erwidert, er habe die Wirkung dieses Schreibens unterschätzt. Allerdings habe man das Papier ja auch zurückgezogen.

Im ersten Schreiben, das der ZEIT vorliegt, heißt es: "Arbeitnehmer, die sich an Arbeitskampfmaßnahmen nicht beteiligen, werden so lange wie möglich beschäftigt". Auch dieser Satz sorgt in der Charité für Unruhe, weil Mitarbeiter fürchten, dass bei künftigen Entlassungen die streikenden Kollegen nun als Erste rausfliegen.

Im zweiten Schreiben ist dieser Passus übrigens unverändert enthalten.