Zwanzig Jahre Lindenstraße ist ein großes Datum. Zwanzig Jahre Mitleben, Mitfreuen und Mitleiden mit dem kleinen Fernseh-Biotop, das zuverlässig alle deutschen Themen aus Politik und Alltag ohne Verzögerung in sich widerspiegelte, fortspann und vorwegnahm. Vor allem aber: zwanzig Jahre Mitreden. Denn die Lindenstraße ist nicht nur ein Produktionsphänomen - die Verfertigung einer Fernsehserie in der Echtzeit ihrer sozialen Umgebung -, sondern ein Rezeptionsphänomen. Zwanzig Jahre Lindenstraße bedeuten auch zwanzig Jahre gesellschaftliche Selbstbeobachtung und Selbstverständigung.

Denn was im Großen und zeithistorisch Allgemeinen vielleicht zu abstrakt war, um mit Anteilnahme diskutiert zu werden, das konnte, auf die Alltagswelt der Lindenstraßenbewohner angewandt, plötzlich als Persönliches und Individuelles erlebt werden.

Die alte 68er-Formel, wonach das Politische auch im Privaten liege und darum das Private auch politisch sei, hier ist sie angewandt und augenfällig geworden. Von der Wiedervereinigung bis zur Arbeitsmarktreform - nichts gab es, was nicht auch auf Mutter Beimer oder Carsten Flöter niedergerieselt wäre. Über sie und andere Figuren redend, konnte der Zuschauer sich eine Meinung über die Gegenwart bilden. Recht eigentlich war es noch nicht einmal ein Reden über Filmfiguren, sondern ein Klatschen, als seien die Figuren unmittelbare Zeitgenossen.

Von Christa Rotzoll, der Publizistin und Ehefrau Sebastian Haffners, stammt die Beobachtung, dass diese Neigung zum Klatsch nur dem Versuch entspringt, um uns herum jenes kleine Dorf der persönlichen Nachrichten und Beziehungen nachzubauen, in dem der Mensch sich eigentlich zu Hause fühlt. In der äußeren Realität ist den meisten Menschen dieses Dorf abhanden gekommen - und oft auch schon in der inneren Realität von Klatsch und Tratsch über Nachbarn und Bekannte. Aber in der virtuellen Realität des Fernsehens kann man alles auf einmal zurückbekommen, und wer sich über Carsten Flöter aufregt (ob er nicht zum Beispiel besser Torsten heißen sollte), der hat damit jenes Medium gefunden, in dem er all seine Hoffnungen, Befürchtungen und Ressentiments artikulieren kann, aus denen am Ende Heimat besteht.

Selbst die unbekannte Nachbarin, die nach Jahren schweigender Begegnung im Treppenhaus plötzlich ihre Meinung über Dr. Dresslers neuesten Kummer äußert, kann dadurch zum ersten Mal zu einer bekannten und echten Nachbarin werden, die das anonyme Haus zu dem ersehnten Dorf macht. Das ist die soziale Kommunikation, die Lindenstraße dem Fernsehpublikum geschenkt hat, und es schmälert das Verdienst der Serie nicht im Geringsten, dass später auch Marienhof oder Gute Zeiten, schlechte Zeiten eine ähnliche Funktion übernahmen. Lindenstraße hat das Modell in die Welt gesetzt, und dafür wollen wir dem Erfinder Hans W. Geißendörfer danken.