Die Digitalisierung der Bilder und der DVD-Boom sind dabei, wie man so sagt, unsere Sehgewohnheiten kräftig zu verändern. Zuerst denkt man an schreckliche Worte wie Durchvermarktung und Kinosterben und dann vielleicht an die Gelegenheiten, sich eine kleine private Sammlung von Filmen zuzulegen. Die DVD ist mittlerweile zum Leit- und Lieblingsmedium der Cineasten geworden. Nie waren so viele Filme so vielen Menschen so einfach zugänglich - nie konnten so viele Filme vor der Vernichtung durch Ruinierung der Kopien auf eine silberne Scheibe gerettet worden. Stefan Drössler, der Leiter des Filmmuseums in München, sagt, man könne es bald nicht mehr riskieren, 35-Millimeter-Kopien zu zeigen, wenn nach zwei Aufführungen das Material hinüber sei. Ich habe keine Lust, so heuchlerisch zu sein und alle Defekte im Kino wie Risse, Rotstiche und Laufstreifen toll zu finden.

Das Filmmuseum der Zukunft wird also digital sein und nicht nur in seiner Vorführungspraxis und der Archivierung: Drössler gehört zu den Initiatoren einer neuen DVD-Reihe, die als Kooperationsprojekt verschiedener deutschsprachiger Filmmuseen und -archive eine anspruchsvolle DVD-Reihe unter dem Namen Edition Filmmuseum herausgibt. Es geht dabei um Werke von den Anfängen der Filmgeschichte bis heute, die selten oder nie im Fernsehen ausgestrahlt werden und auch bisher nicht auf DVD erhältlich sind.

Dass den Anfang in dieser Edition ein Film mit dem Titel Enthusiasmus! macht, kann man getrost als Programm ansehen. Es ist der Enthusiasmus, den der Regisseur Dziga Vertov vermitteln wollte, in den Jahren vor der stalinistischen Perversion der Revolution, wo Arbeit und Ästhetik, Film und Leben ineinander fließen zu einer Film-Sinfonie, in genau aufeinander abgestimmten Klängen und Bildern. Es ist der Enthusiasmus des Filmemachers, der nach einer neuen audiovisuellen Sprache sucht. Und es ist der Enthusiasmus, den man dem Restaurator Peter Kubelka im DVD-Feature über die Arbeiten an der Restaurierung von Vertovs Film aus dem Jahr 1930 anmerkt: Etwas stimmte da nicht an der Fassung, die man mit etwas Glück in irgendeiner Retrospektive oder in einem kommunalen Kino gesehen haben mag. Zumindest die zweite Hälfte des Films schien kraftloser, konventioneller, weniger durchdacht, als wir es von diesem Filmemacher erwarten durften. Die Lösung - eine Neuangleichung von Bild und Ton - ist verblüffend einfach und vermittelt zugleich, dass Filmrestauration eine ungemein spannende Angelegenheit sein kann. Auch die nächsten Projekte in dieser Reihe versprechen Entdeckungen und Überraschungen. Dazu gehören eine Gegenüberstellung von Richard Oswalds Anders als die Andern aus dem Jahr 1919 mit Veit Harlans Anders als du und ich von 1957, Erich von Stroheims Blind Husbands, aber auch Filme von Herbert Achternbusch, Hellmuth Costard, Niklaus Schilling und die abenteuerlichen Restaurations- und Rekonstruktionsarbeiten des Münchner Filmmuseums am Werk von Orson Welles.

Werden wir uns das Filmmuseum nach Hause holen (für circa 19 Euro pro DVD), anstatt diesen Ort des Sehens und Denkens von Film in Person aufzusuchen?

Oder wird es eine neue Form geben, mit den Bildern und den Räumen umzugehen, virtuelles und reales Filmmuseum miteinander zu verbinden? Das ist, vermute ich mal, eine Frage des Enthusiasmus.