Die provisorischen Backsteinhäuser Catias kleben direkt am Hügel, nur wenige sind mit Betonstelzen notdürftig abgestützt. An den Straßenrändern des Ortes im Westen von Caracas warten lange Schlangen von Menschen auf Kleinbusse, die sich langsam durch die engen, staubigen Straßen schieben.

Straßenhändler mit kargem Angebot, schwer bewaffnete Polizisten - und streunende Hunde vervollständigen das Bild. Etwa 40 000 arme Familien haben diesen Flecken Erde in den vergangenen Jahrzehnten besetzt. Die meisten Erwachsenen in Catia sind arbeitslos.

Inmitten dieser Tristesse fällt ein strahlend weißes Gittertor auf: Dahinter liegt ein großer Platz. Sauber gefegt. In der Mitte zwei Stahltribünen um eine kleine grüne Rasenfläche. Niedrige lang gestreckte Häuser bilden einen Kreis um die Fläche, alles ist nagelneu. Auf diesem insgesamt 16 Hektar großen Gelände entstand 2003 das Zentrum Fabricio Ojeda für Endogene Entwicklung, eine Art Versuchslabor für die sozialpolitischen Programme des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez.

Auf dem Gelände sind viele von Chavez' Missionen zu sehen, die der Präsident in den vergangenen Jahren ins Leben gerufen hat. Es sind Einrichtungen, die sich um Bildung, Gesundheit oder Arbeitsbeschaffung kümmern und Niederlassungen überall im Land haben. Wer sie besucht, kann die gesamte politische Vorstellungswelt des Präsidenten kennen lernen: Hier ist zu sehen, wie die Wirtschaft funktionieren soll. Was er mit Gerechtigkeit meint und welche Rolle ihm selbst als Präsident zukommt.

Schritt für Schritt baut Chavez ein autoritäres Regime auf

Die Missionen zementieren nebenbei auch die Machtbasis von Chavez, dessen Koalition Polo Patriótico bei den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag rund 90 Prozent der Stimmen bekam. Die wichtigsten Oppositionsparteien hatten ihre Kandidaten zurückgezogen, weil ihrer Ansicht nach die von Chavez kontrollierte Wahlaufsichtsbehörde keine fairen und transparenten Wahlen garantieren konnte. Nun hat der 51-jährige Linkspopulist die nötige Mehrheit für Verfassungsänderungen und kann beispielsweise die unbegrenzte Wiederwahl eines Präsidenten im Grundgesetz verankern. Chavez will noch weitere 25 Jahre im Amt bleiben.

Schritt für Schritt verwandelt der ehemalige Fallschirmjäger die frühere Modelldemokratie in ein autoritäres Regime und nennt es seinen Weg zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Doch seine Rezepte sind die gleichen, mit denen andere südamerikanische Regierungen schon vor 30 Jahren scheiterten: Arbeitslose werden in ineffizienten Staatsunternehmen geparkt, Armut wird durch provisorische Hilfen gelindert und politisch instrumentalisiert. Es gehe darum, jetzt sofort Lösungen anzubieten, die Loyalitäten sichern, sagt Friedrich Welsch, Politikprofessor an der Universität Simón Boløvar in Caracas.