Wir Deutschen waren nicht besonders einfallsreich, als es um die Entwicklung einer eigenen Schrift ging. Mit den Römern kamen die lateinischen Buchstaben ins Germanenland, und fortan schrieben wir Besiegten Gesetzestexte und Grabinschriften in jenen harten, eckigen Lettern der Eroberer - mit einigen Handschrift-Ausnahmen wie der Sütterlin-Schrift des 20. Jahrhunderts.

Für Laute, die der lateinischen Zunge fremd waren, nahmen wir einfach bereits bestehende Buchstaben und malten zwei Punkte darüber: Fertig waren ä, ö und ü.

Ganz anders die Armenier. Die wollten sich nicht fremder Lettern bedienen, um ihre eigenen Texte aufzuschreiben. Und so beauftragten sie im Jahr 406 unsere Zeitrechnung - vor genau 1600 Jahren - den jungen Mönch Mesrop Maschtots mit der Entwicklung einer eigenen Schrift. Zum runden Geburtstag dieses Alphabets veranstaltete die Österreichische Akademie der Wissenschaften am vergangenen Wochenende ein Internationales Symposium.

Es war zu Beginn des 5. Jahrhunderts höchste Zeit für die Etablierung einer eigenen Schrift, denn beinahe wäre die armenische Sprache ein Opfer expandierender Großreiche geworden. Der Klerus quälte sich mehr schlecht als recht auf Griechisch und Syrisch durch die Liturgie. Bei Hofe bevorzugte die Dynastie der Arsakiden das Parthische. Die Fremdsprachen begannen auch sich im Volk auszubreiten. Um den kulturellen Einflüssen der Fremdherrschaft entgegenzutreten, mussten die Armenier um ihre eigene Identität kämpfen.

Die zeigte sich vor allem in der Religion. Die Entwicklung der Schrift war eng mit der Vertiefung der Christianisierung verknüpft, erklärt Werner Seibt, Mitorganisator des Wiener Symposiums. Bereits im Jahr 314 oder 315 hatte König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion erklärt, das waren immerhin gut sechseinhalb Jahrzehnte bevor der Römer Theodosius Gleiches für sein Reich tat. Diese junge Religion galt es gegen die religiösen Gepflogenheiten der persischen Sassaniden, die einem Feuerkult huldigten, zu verteidigen. Mit einer eigenen armenischen Schrift konnten die Gelehrten nun die Bibel und die Texte der Liturgie ins Armenische übersetzen und so dem Volk nahe bringen - mehr als eintausend Jahre vor Luther. Der Plan ging auf: Noch heute sind die armenisch-apostolische Kirche und die armenische Sprache die zwei tragenden Säulen der großen armenischen Diaspora in der ganzen Welt.

Mesrop Maschtots war der richtige Mann für den Job. Er sprach, las und schrieb fließend Griechisch und Syrisch. Aus diesen Sprachen pickte er die besten Elemente für die neue armenische Schrift heraus. Wie im Griechischen werden auch im Armenischen die Vokale mitgeschrieben, und die Leserichtung läuft von links nach rechts. Die Schriftzeichen, die Maschtots sich ausdachte, erinnern teilweise an die damals verwendete griechische Handschrift, aber hier zeigen sich auch deutliche syrische Einflüsse und eigene Ideen. Zu griechisch durfte die neue Schrift nämlich nicht aussehen.

Mesrop Maschtots musste sehr vorsichtig sein, sagt Seibt. Die griechischen Elemente mussten verschleiert werden, um sich nicht dem Unwillen der herrschenden Perserdynastie auszusetzen.