Es war einmal ein südamerikanischer Hauptmann, der wollte unbedingt Präsident werden. 1992 versuchte er sich an die Macht zu putschen. Das brachte ihm zwei Jahre Gefängnis ein. Dann verwirklichte er seinen Traum auf rechtmäßigem Weg. Ein Putsch verdrängte ihn wieder aus seinem Palast mit dem schönen Namen Miraflores. Er gewann die Macht nach kurzer Zeit wieder. Aber er wurde immer weiter belächelt und verspottet. Sein Volk trat in Streik, zwang sein Land fast in die Knie. Seine Gegner organisierten eine Volksabstimmung, um ihn abzusetzen. Doch da wendete sich sein Schicksal. Sein ärgster Feind, der Präsident der USA, ließ Truppen in das Land seines Freundes Saddam Hussein einmarschieren. Der Ölpreis begann zu steigen. Auf einmal hatte Hugo Chávez Geld, immer mehr Geld, um sein widerspenstiges Volk zu bezähmen.

Volk ist, wie Bertolt Brecht ganz richtig bemerkte, nicht tümlich - aber sehr bestechlich. Die Venezuelaner verliebten sich so sehr in ihren Präsidenten, dass sie ihn bei Wahlen zur Nationalversammlung am letzten Sonntag mit Zustimmung geradezu überschütteten. Seine Partei gewann 68 Prozent der Stimmen und 114 der 167 Mandate. Damit nicht genug. Auch auf den restlichen 53 Sitzen werden Abgeordnete Platz nehmen, die voll hinter Chávez stehen. Er kann hinfort auf 100 Prozent parlamentarischen Rückhalt bauen - ganz ohne Putsch, ganz ohne Gewaltanwendung. Ein Sieg der von ihm ausgerufenen bolivarianischen Revolution, der in der Menschheitsgeschichte seinesgleichen sucht.

Natürlich gibt es immer Leute, die ein Haar in der Suppe finden. Aber kann man es Hugo im Glück anlasten, dass die Opposition fast geschlossen die Wahlen boykottierte, weil sie den Modalitäten nicht traute? War sie nicht nur zu feig, sich dem strahlenden Sieger in offener Auseinandersetzung zu stellen?

Die Wahlbeteiligung war, das geben allerdings auch Chávez' Leute zu, enttäuschend. Anstatt der von ihnen vorhergesagten 60 bis 70 Prozent machten nur 25 Prozent der Stimmbürger von ihrem Recht Gebrauch. Der Vorsitzende der die Abstimmung überwachenden Kommission gab dem Wetter die Schuld: Das erschwerte die Wahl erheblich.