Oslo

Unterschiedlicher könnten die Nachbarn nicht sein: Rechts liegt das königliche Schloss. Der Park ist für jedermann frei zugänglich, vor dem Palast stehen lediglich zwei Wachen. Mit aufgepflanztem Bajonett und Federbusch am Hut schützen sie den norwegischen König, der hinter diesem klassizistischen Giebel wohnt. Links sind Scheinwerfer und Kameras montiert, versenkbare Hindernisse blockieren die Zufahrt, hinter dem hohen Eisenzaun patrouillieren Männer mit Maschinenpistolen. In dem Klotz aus schwarzem Granit residiert der Botschafter der Vereinigten Staaten.

Dazwischen liegt das Norwegische Nobel-Institut. Im zweiten Stock der großbürgerlichen Villa von 1867 sitzt Direktor Geir Lundestad hinter einem breiten, dunklen Schreibtisch, voll gepackt mit Büchern. Er lächelt freundlich und erzählt, dass die Amerikaner einen neuen Standort suchen, weil sie sich hier, im Zentrum von Oslo, nicht sicher genug fühlen. Aber das ist nicht so einfach, weil keiner die amerikanische Botschaft zum Nachbarn will.

An diesem Samstag wird das Norwegische Nobel-Institut wieder im Zentrum der Weltaufmerksamkeit stehen: Am Todestag von Alfred Nobel verleiht es den von ihm gestifteten Friedenspreis zu gleichen Teilen an die Atomenergiebehörde IAEA und deren Generaldirektor Mohamed ElBaradei. Und wieder taucht die Frage auf, unter welchen Gesichtspunkten der angesehenste Preis der politischen Welt vergeben wird.

Geir Lundestad, 60, ist seit 1990 Direktor des Nobel-Instituts in Oslo. Der Historiker hat zwei Jahre lang in Harvard geforscht und mehrere Bücher über das transatlantische Verhältnis geschrieben. In sein behagliches Büro kommen jedes Jahr Menschen aus aller Welt, um für ihren Friedenspreis-Kandidaten zu antichambrieren. Ich gebe ihnen eine halbe Stunde Zeit, höre sie an und mache mir Notizen, sagt er dann norwegisch trocken. Symbolische Geschenke wie Federhalter nimmt er an, in 15 Jahren verzeichnete er fünf ernsthafte Bestechungsversuche. Aber wer nur ein kleines bisschen von Norwegen versteht, der weiß: Alles, was nach Korruption riecht, ist kontraproduktiv.

Eine Tür aus dunklem Holz verbindet sein Büro mit dem Sitzungszimmer. Unter einem Kronleuchter steht ein ovaler Tisch aus Mahagoni. Die sechs Lehnstühle sind dunkelgrün gepolstert, an der grünen Jugendstiltapete hängen die Schwarzweißfotos der Preisträger von Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes, der 1901 geehrt wurde, bis ElBaradei. Hier traf sich das Auswahlkomitee am 22. Februar dieses Jahres zu seiner ersten Sitzung.

Lundestad präsentierte die 199 Nominierungen, die beim Institut eingegangen waren. Gemäß dem Testament von Alfred Nobel setzt sich das Komitee aus fünf Personen zusammen, die vom norwegischen Parlament bestimmt werden. Hinzu kommt der Direktor des Instituts. Die Entwicklung dieses Gremiums spiegelt Krisen des Friedenspreises wider: Als er 1936 an den deutschen Publizisten Carl von Ossietzky ging, tobte Hitler. Der norwegische Außenminister trat aus dem Komitee zurück, seither gehört diesem kein Regierungsmitglied mehr an.