familie Ein ganz sanfter Anreiz
Die Beschwerden über das neue Elterngeld sind von gestern
Ist das von der Großen Koalition für 2007 versprochene Elterngeld unsozial, weil es sich nach dem bisherigen Einkommen der Eltern richtet?
Greift es verfassungswidrig ins Erziehungsrecht der Eltern ein, weil es nahe legt, dass auch Männer zwei Monate bei ihren Kindern verbringen?
Nichts von alledem. Das Elterngeld ist der Anfang einer dringend nötigen Wende: hin zu einer Familienpolitik, die das Leben mit Kindern möglich und wünschenswert erscheinen lässt.
Bisher ist in Deutschland vor allem die formale Gleichberechtigung der Frauen durchgesetzt. Sie dürfen studieren oder nicht studieren, Karriere machen oder nicht, Kinder bekommen oder eben keine. Dass sie, zumal die gut ausgebildeten Frauen, immer öfter keine bekommen, wächst sich zu einem handfesten Problem für die Gesellschaft aus: Dafür gibt es zwei einfache Erklärungen: Erstens geht es gegen jeden Zeitgeist, dass sich junge, gut verdienende Frauen auf unbestimmte Zeit in ökonomische Abhängigkeit von einem Ernährer begeben. Man mag das als Abkehr vom Solidaritätsmodell Familie beklagen – Tatsache ist aber, dass die Frauen immer seltener dazu bereit sind.
Diesem Unwillen trägt das Elterngeld Rechnung, indem es den Verdienstausfall einer Mutter (oder, was unter den neuen Bedingungen wahrscheinlicher wäre als bisher, eines Vaters) für zehn Monate zu 67 Prozent ersetzt. Das ist nicht unsozial, dem Staat sind damit nicht die Kinder unterschiedlich viel wert, sondern die »Opportunitätskosten« des sorgenden Elternteils. Die Einkommensabhängigkeit drückt ganz nüchtern das Ziel dieser staatlichen Subvention aus: Sie soll Nachwuchs auch bei den Gut- und Besserverdienenden fördern, denn davon gibt es zu wenig.
Zweitens haben die Frauen es satt, dass die Kinder, die wir alle brauchen, im Alltag so ganz allein ihr Problem sein sollen; dass »Vereinbarkeit« von Familie und Beruf automatisch etwas ist, wobei jeder an Mütter denkt. Das Elterngeld kann nun für zwei Monate zusätzlich gezahlt werden, wenn Väter in dieser Zeit zu Hause bleiben: ein ganz sanfter Anreiz. Niemand, der sich dadurch bevormundet fühlt, muss diese neue Leistung in Anspruch nehmen. Wer es aber tut, trägt mehr zur Zukunft dieses Landes, seiner Paarbeziehungen und Familien bei als jene, die sich an das Alleinernährermodell klammern. Susanne Gaschke
- Datum 08.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.12.2005 Nr.50
- Kommentare 6
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Die neue Regelung ist dumm, wenig innovativ und auf eine bestimmtes Klientel gerichtet. Die Geburtenrate wird diese Regelung nicht beeinflußen. Damit wäre sie überflüssig.
die neue elterngeld-regelung..das hört sich erst mal ganz gut an..doch was ist wenn der vater 10 monate zuhause bleiben will/ soll und die mutter 10 monate arbeiten gehen/ will/ soll? Ist das auch möglich? wenn ja..ist das dann eine neue errungenschaft der gleichberechtigung von frau oder mann? Oder gar vielleicht und?
Für mich (als berufstätiger Mutter) ist die Einführung des Elterngeldes ja ganz nett, aber leider nicht viel mehr als ein Tropfen auf dem heissen Stein. Nach einem Jahr stehe ich nämlich vor allem im Westteil Deutschlands immer noch vor dem Problem, wie ich mein Kind bezahlbar ganztags betreuen lassen kann. Ich möchte nämlich nicht nur im ersten Lebensjahr sondern auch danach meinen Lebensunterhalt gesichert sehen. Ich habe nicht zum Spaß jahrelang studiert. Da kann ich nur neidisch nach Frankreich schauen. Auch finde ich es empörend, dass ich als nicht verheiratete Mutter Steuern wie ein Single bezahle. Mein Urteil deshalb: Thema verfehlt. Das Grundübel in diesem Land ist die merkwürdige Auffassung von Mutterschaft und diese Auffassung schlägt sich 1:1 in der Politik nieder.
Nichts anderes ist das neue Elterngeld.
Den Leuten, die ohnehin zuviel haben - Geld, Bildung, Arbeitsplätze - wird nochwas nachgeworfen, während die übrigen zusehen können, wie sie zurechtkommen. In der Hoffnung, daß sich "die Richtigen" (F.D.P.) etwas mehr vermehren.
Man könnte das Geld natürlich auch dafür verwenden, um Kindern, die bereits geboren SIND, etwas bessere Chancen zu verschaffen. Aber warum?
Sozialdarwinismus pur.
Die Freiheit für die Entscheidung zu Kindern in einem selbstbestimmten Leben ist etwas anderes als der Anreiz den das Elterngeld bietet. Unser Sozialsystem ist immer wieder an dem Standardlebensmodell ausgerichtet - und das ist eine Einschränkung, die meistens gegen die Bedürfnisse von Frauen geht. Frau möchte vielleicht mit dem Kind gar nicht warten, bis sie so viel verdient, dass sie sich und ihr Kind auch von 67% Einkommen ernähren kann. Das dauert heute bei den meisten Frauen nämlich ganz schön lange: Studium bis 28 Jahre dann zwei- drei Jahre bis Frau einen richtigen Job hat und dann (würde sie nach Elterngeldmodel vernünftigerweise) schnell ein Kind bekommen. Ich wünsche vielen Frauen, dass ihr Kinderwunsch und der richtige Partner auch gerade in dieses vielleicht kurze Zeitfenster passen. Und ich wünsche den Frauen, dass sich nach dem Studium überhaupt ein guter Job oder eine Gehaltserhöhung ergibt - ist ja ein ganz schönes Risiko für den Arbeitgeber.
Vielleicht wird die Kinderzahl ja jetzt noch geringer: Die Frauen warten bis sie die richtige Einkommensbasis für das Elterngeld haben und dann ist es plötzlich zu spät.
Es ist bestimmt Zeit für ein angemessenes Elterngeld - aber bitte für alle Frauen.
Sicher werden die "üblichen Verdächtigen" auch hier wieder zetern, alle Kinder seien gleichviel Wert und die neue Regelung ungerecht.
ABER:
- Besonders gebildete und gut ausgebildete Frauen bekommen unterdurchschnittlich viele Kinder, sollten also zusätzliche Anreize bekommen.
- Laut PISA kosten Kinder "bildungsferner Schichten" den Staat besonders viel Geld (Förderkurse,...) und erreichen trotzdem seltener einen höheren Schulabschluss, der sie später zu Gutverdienenden und damit "einträglichen" Steuerzahlern macht.
- 67% hört sich gut an, allerdings wird dabei meist nicht erwähnt, dass diese bei 1800.- gedeckelt sind. Eine qualifizierte Akademikerin verdient aber auch als Anfängerin meist schon deutlich mehr, sodass hier von 67% in der Praxis nicht die Rede sein kann.
- Dass die meisten Kindergärtern den Elternbeitrag nach dem Einkommen berechnen, wird in diesem Zusammenhang "natürlich" auch nicht erwähnt.
- Kinder sind zwar grundsätzlich gleichviel Wert, für die Eltern aber unterschiedlich teuer: Wenn etwa eine Studentin aus wohlhabendem Hause ihre Eltern auf Übernahme der Kosten für ihr Golf Cabrio verklagt, wird ein Gericht ihr im Zweifelsfall Recht geben, da "sie einen solchen Lebensstil gewöhnt" ist - einschläge Urteile dieses Tenors gibt es reichlich.
- Die zwei Monate "Vaterurlaub" sind ein erster Anfang. Da sie genutzt werden KÖNNEN, nicht etwa genutzt werden MÜSSEN, wie etwa in Schweden (wo es sogar die Hälfte des Elternurlaubs sein muss, nicht nur ein Sechstel), kann auch hier von einer radikalen Lösung kaum die Rede sein.
Der Artikel ist übrigens für die ansonsten sehr ausgeprägte Parteilichkeit der Autorin ungwöhnlich (und angenehm) sachlich
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