Von seiner Mutter, so Hanns Dieter Hüsch, stamme die Frage: Sag mal, was ist eigentlich aus dem Mann geworden, der uns damals auf dem Bahnhof in Mainz so nett die Koffer getragen hat? Lebt der noch? Lebt wohl der Mensch noch, den man vor vielen Jahren einmal und dann nie wieder gesehen hat? Das ist vielleicht der Urimpuls aller Theaterspieler: nachprüfen, ob der oder jener noch leben könnte. Man muss sich auf die Bühne stellen und ihn ausrufen.

Falls man sicher ist, dass er nicht mehr lebt, muss man ihn, indem man ihn spielt, auf die Bühne holen.

So spielte der Kabarettist und Komiker Hanns Dieter Hüsch. Nichts sollte verloren gehen, schon gar nicht das, was schon fort war. Jahrzehntelang hatte Hüsch das Streckennetz der deutschen Bahn befahren bis in die feinsten Verzweigungen. 200 bis 250 Auftritte absolvierte er jährlich, 50 Jahre lang.

Durchreisend wurde er in den Städten heimisch. Irgendwann muss sich in Hüsch eine Verwandlung vollzogen haben. Aus dem Unterhalter, der zu den Menschen hinreist, wurde der Mann, der die Menschen umkreist und auf sie aufpasst.

Weißt du, wer gestorben ist? Das errätst du nie! lautet eine typische Zeile aus dem niederrheinischen Universum Hüschs, sie muss im Ton des Triumphs gesprochen werden. Tante Gretchen hat sich aufgehängt (Hüschs Tante Grete, sie brachte sich um, weil ihr Sohn zu den Nazis gegangen war, der kleine H.

D. fand die Leiche), und Ditz Atrops (eine Kunstfigur Hüschs) hat sich vor den Zug geworfen, aber Hüsch fing sie auf, auf seiner Bühne durften sie weitermachen. Der Sinn des Lebens besteht darin, dass man sich nach dem Tod wiedersieht, sagte er vor wenigen Jahren. Wenn man sich sagen muss, mach dir nix vor, du siehst sie nicht wieder, dann hat das Leben für mich wenig Sinn.

Insofern war sein Bühnenleben ein Rückführungsprogramm, ein Spiritismus der Originaltöne. Auf seiner Bühne lebten Verwandtschaft und Nachbarschaft noch, sie quatschten den Meister von der Seite an und drängten ins Licht.