Ihre Stimme klingt nach Berlin, immer noch. Obwohl zwischen ihr und Berlin ein Menschenleben und Sofia und Paris und Jerusalem liegen. Obwohl die Stadt sie vertrieb, weil ihre Mutter Jüdin war. Angelika Schrobsdorff liest in Sofia, es ist der Auftakt zu dem internationalen Autorentreffen zum Thema Heimat – brüchiges Ufer, zu dem das Goethe-Institut nach Bulgarien eingeladen hat. Die deutsch-israelische Schriftstellerin liest aus ihrem Buch Du bist nicht so wie andere Mütter, sie hat jene Passagen ausgewählt, in denen sie beschreibt, wie sie mit ihrer Mutter Berlin verlassen musste und nach Sofia ging – in eine, wie sie es als Kind empfand, komische Stadt in einem komischen Land. Einem Land, das die Juden nicht auslieferte, sondern sie versteckte. Einem Land, das in zwei Jahren der Europäischen Union betreten wird und von dem die meisten Menschen unbeirrbar glauben, dass seine Hauptstadt Bukarest heißt. Von der Heimat träumt man - bulgarische Landschaft nahe Veliko Tarnovo BILD

Angelika Schrobsdorffs Tonfall ist ironisch und gefühlvoll und hochmütig zugleich. Es ist der Tonfall einer Königin, die zerstreut erträgt, wie ein Tontechniker den Sitz ihres angesteckten Mikrofons kontrolliert. Im Publikum sitzen bulgarische Schulkameradinnen, alte Damen, die sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischen, während ihre Mitschülerin Angelika liest. Am Ende der Lesung sagt Angelika Schrobsdorff, dass sie ihre Heimat Jerusalem demnächst verlassen werde. Um nach Berlin zurückzukehren. "Ich gehe dahin zurück, wo man meine Sprache spricht. Und wo man gemütlicher stirbt", sagt sie. "Ich gehe nicht nach Berlin zurück, um dort zu leben."

Am nächsten Tag sind wir in Plovdiv, zwei Autostunden von Sofia entfernt. Einige Häuser hier sehen aus wie aus Lebkuchen, andere tragen geflügelte Hauben wie Nonnen, man nennt es bulgarischer Barock. Die Altstadt von Plovdiv ist berühmt für ihre Architektur aus der Wiedergeburtszeit, wie die Zeit nach der Befreiung von der türkischen Herrschaft genannt wird. Die Befreiung von den Türken ist der Nabel bulgarischer Geschichte.

Wir treffen uns im Danchov-Haus, das nach einem bulgarischen Nationalrevolutionär benannt wurde. Elf Schriftsteller und Dichter aus Makedonien, Rumänien, Bulgarien und Deutschland sitzen an einem Tisch und reden über die Heimat. Ein Experiment. Wir sind in verschiedenen Ländern und Systemen aufgewachsen, unter uns sind lebende Denkmäler und blutjunge Debütanten, surrealistische Lyriker und realistische Schriftsteller, die Älteren haben ihr Leben in einer Diktatur verbracht, welche die Jüngsten nur noch aus Geschichtsbüchern kennen, einige haben ihre Heimat schon vor langer Zeit verlassen, andere sind gerade erst wieder zurückgekehrt, und manche sind geblieben.

Was bedeutet Heimat für uns? Ist es ein Gefühl während eines Fußballspiels? Ist es der Geschmack von bulgarischer Polenta? Der Geruch in den Straßenbahnen von Sofia? Ist es eine Sprache, ein Ort oder Einbildung? Oder ist es die Zeit, in der wir leben? Ist es Ideologie? Massenhysterie? Wie viel Heimat verträgt der Mensch? Ist Heimat Vaterland? Und kann man sich seine Heimat selbst aussuchen?

"Heimat klang für mich immer nach Ideologie", sagt Nora Iuga, die große Dame der rumänischen Dichtung. "Während der Diktatur wurde das Wort ›Heimat‹ so oft gebraucht, bis daraus ein krankes Wort wurde. Auch fünfzehn Jahre nach dem Ende der Diktatur gebrauchen wir das Wort noch nicht. Mir fallen bei ›Heimat‹ immer die ersten Astronauten ein. Als sie die Erde sahen, da dachten sie sicher: Das ist meine Heimat! Und das denke ich auch: Meine Heimat, das ist der Blaue Planet."

"Aber wie viel Heimat braucht der Mensch, und wie viel kann er vertragen?", fragt der bulgarische Schriftsteller Emanuil A. Vidinski. Er schreibt zurzeit an seiner Doktorarbeit mit dem Thema Das Krankhafte im Werk von Thomas Mann und der Roman der Moderne, was ein Grund dafür sein kann, dass er die Nationalbibliothek von Sofia als seine Heimat betrachtet. Mario Vargas Llosa habe in Paris, London und Madrid gelebt, aber schreibe immer noch über seine Heimat Peru. Bedeutet das, dass es für ihn nur eine Heimat gibt?