heimatEin deutscher Abschied

Wie der Vertreibung aus dem Osten gedenken? Ohne Selbstmitleid. Eine Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte. von 

In einem der letzten Schaukästen der Ausstellung liegt ein unscheinbarer handgeschriebener Zettel. Er trägt folgende Zeilen in Deutsch und Polnisch: »Wir kommen zu Besuch in unsere Heimat. Wir wollen nicht zurück. Jetzt ist es Ihre Heimat.« Ein aus dem schlesischen Lübchen Vertriebener hatte sich 1972 diese Sätze für seinen ersten Besuch in der verlorenen alten Heimat zurechtgelegt.

Es gibt dramatischere Geschichtszeugnisse und wertvollere Artefakte unter den 1500 Exponaten dieser großartigen Ausstellung. Doch kaum ein anderer Gegenstand ist so anrührend wie dieses schlichte Dokument. Der Zettel ist auch darum so sprechend, weil die Ausstellung deutlich macht, welchen Widrigkeiten seine Menschlichkeit abgerungen werden musste. Bevor man ihn findet, hat man nämlich all dies gesehen: die Trecks im Winter unter sowjetischem Beschuss, die Dokumente der lange vorgeplanten Entrechtung der Sudetendeutschen durch die Bene∆-Dekrete, den tausendfachen Tod bei den »wilden« Vertreibungen, die Not in den Lagerbaracken, den Kampf um Anerkennung im Westen, die Unterdrückung der Vertriebenen in der DDR. Dies alles wird fasslich gemacht auf den 650 Quadratmetern im Bonner Haus der Geschichte.

Anzeige

Bei dem ungeheuren innen- und außenpolitischen Druck, der auf dem Thema lastet, kommt es fast einem Wunder gleich, dass das Team des Bonner Hauses der Geschichte eine Ausstellung zuwege gebracht hat, die durch geistige Unabhängigkeit beeindruckt. Es ist also doch möglich, denkt man am Ende erleichtert, den ganzen Lärm der Debatte um das in Berlin geplante »Zentrum gegen Vertreibungen« auszublenden, um endlich einen neuen, freien Blick auf die Geschichte der Vertreibung zu wagen.

Wer die angenehm sachliche Bonner Ausstellung »Flucht, Verteibung, Integration« gesehen hat, dem kommt die sterile Aufgeregtheit der bisherigen Debatte läppisch vor. Die Ausstellung arbeitet mit allen Mitteln der modernen Museumspädagogik, ohne je überwältigen zu wollen. Sorgsam wurden authentische Relikte inszeniert – eine Baracke aus dem Flüchtlingslager Furth im Walde, Durchgangsstation für Tausende Sudetendeutsche; ein Rungenwagen, das typische Fluchtvehikel; selbst gebastelte Werkzeuge, Trinkgefäße, Koffer und allerlei Habseligkeiten, deren Kargheit den Erfindungsreichtum in der Not vor Augen führt. Am eindringlichsten ist vielleicht das festliche Kommunionskleid aus Mullbinden, das in einem dänischen Lager entstand. Eine Mutter hatte es dort für ihre Tochter zusammengenäht – ein eigenartiges Zeugnis von Trotz und Anmut zugleich.

Der Umgang mit solchen intimen Objekten erfordert von den Ausstellungsmachern Taktgefühl: Wenn das Zeugnis überinszeniert wird, droht der Kitsch. Nüchternheit, so hat sich die Mannschaft um den Historiker Hans-Joachim Westholt gesagt, ist im Übrigen auch viel effektvoller: Die abgewetzten Kuscheltiere, die unterwegs selbst gebastelten Werkzeuge, die in sinnloser Hoffnung mitgenommenen Schlüsselbunde für die verlorenen Häuser sprechen schon für sich. Die Ausstellung scheut Gefühle nicht. Man sollte das als gutes Zeichen nehmen, denn sie emotionalisiert nie zulasten der historischen Wahrhaftigkeit.

Die eigens erstellten Interviews – sie sind an Computerterminals abrufbar – unterscheiden sich wohltuend von den effekthascherischen Inszenierungen der Guido-Knopp-Industrie. Die Zeugen dürfen hier ausreden. Sie werden nicht als lebende Belege für vorgegebene Thesen missbraucht. Im Gegenteil: Die Lebensläufe der Männer und Frauen aus Westpreußen, Pommern und dem Sudetenland geben eine Ahnung von der Vielzahl und manchmal gar der Widersprüchlichkeit der Vertreibungserfahrungen.

In der DDR durfte nur von »Umsiedlern« gesprochen werden

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service