Es war die Wahlverliererin Angela Merkel, die ihrer Partei und der erstaunten Öffentlichkeit am Tag nach der Bundestagswahl mitteilte, eine Debatte über die Ursachen des miserablen Ergebnisses werde die CDU zu gegebener Zeit und auf der Basis verlässlicher Daten führen. Anfang der Woche hat die versprochene Debatte nun stattgefunden. Doch nicht etwa neu gewonnene Daten, Analysen oder sonstige Erkenntnisse markierten den Unterschied zur Zeit unmittelbar nach dem 18. September. Die Verwandlung der Wahlverliererin in die Kanzlerin Merkel machte die entscheidende Differenz aus. Sie erst hat Angela Merkel jetzt gegenüber jeglicher innerparteilicher Kritik immunisiert.

Mehr noch: Kritik an ihrer Wahlkampfführung oder ihrem programmatischen Profil, wie sie nach dem 18. September in der Union immer wieder zu hören war, wird heute gar nicht erst formuliert. Wer aus der Partei wollte das erreichte Ziel, die Union wieder an die Regierung gebracht zu haben, nun infrage stellen oder den Beginn der Kanzlerschaft Angela Merkels mit Kritik an ihrer Person überschatten? Nicht einmal Friedrich Merz meldete sich noch zu Wort.

Vor zehn Wochen wäre die Diskussion noch gefährlich gewesen, heute übersteht Merkel die Aufarbeitungsdebatte ohne jegliche Blessuren. Dass sie dies am 18.

September vorausgesehen und die Weichen in die entsprechende Richtung gestellt hat, illustriert ein weiteres Mal den machtpolitischen Instinkt der neuen Kanzlerin. Sie wirkt bei solchen zielstrebig taktierenden Schrittfür-Schritt-Operationen nicht sehr imposant. Aber das scheint sie nicht sonderlich zu irritieren. Für den Erfolg nimmt Angela Merkel manches in Kauf. Christian Wulff, ihr innerparteilicher Konkurrent aus Niedersachsen, zieht den Schlussstrich unter den Tag der Selbstkritik: Die Aussprache ist abgeschlossen.

Die Union hat den Wahlkampf gemeinsam geführt, nun hat sie das Ergebnis auch gemeinsam zu verantworten - das ist die Formel der Geschlossenheit, an der sich derzeit alle in der Partei orientieren. Und dort, wo doch kleine Differenzen erkennbar werden, moderiert die Vorsitzende mit feinsinniger Unterscheidung: Nicht jede Akzentsetzung bedeutet eine Kontroverse. Jürgen Rüttgers, Peter Müller, Karl-Josef Laumann haben in den vergangenen Tagen ihren Wunsch nach einem stärkeren sozialen Profil der Partei zumindest angedeutet. Darin steckt sicher auch Kritik am Wahlprogramm. Aber als Forderung nach einer wirklichen Kurskorrektur der Partei und ihrer Vorsitzenden kommen solche Anmerkungen nicht daher. Schon gar nicht wächst hier ein neuer Sozialflügel in der Union, der das dritte enttäuschende Wahlergebnis auf Bundesebene zum Anlass nehmen wollte, das Thema Solidarität und soziale Gerechtigkeit kontrovers und offensiv in die parteiinterne Debatte einzuführen.

Auch aus der anderen Richtung hat Angela Merkel derzeit nichts zu fürchten.

Allzu harsche liberale Töne sind nicht opportun. Kritiker wie Friedrich Merz stehen im Abseits, und eine wirtschaftsliberale Offensive der CDU - ausgerechnet zu Beginn einer Koalition mit den Sozialdemokraten - hätte eher etwas Skurriles. Einen Warnschuss immerhin hatte der hessische Ministerpräsident Roland Koch - vielleicht unfreiwillig - abgegeben, als er wenige Tage nach der Regierungsbildung mit ein paar überaus harschen Formulierungen in einem Interview der Stuttgarter Zeitung die Kanzlerin aufhorchen ließ. Mit der Großen Koalition kann sich nichts Tiefgreifendes ändern. CDU/CSU und SPD sind so diametral entgegengesetzt in ihrer Programmatik, dass sie zusammen keine großen Reformen auf den Weg bringen können. Das ist völlig ausgeschlossen, erklärte der hessische Ministerpräsident und fügte gleich noch hinzu: Wenn dies das deutsche Volk in den nächsten Jahren merkt, ist das kein Fehler.