Schwerin

Mecklenburg-Vorpommern hat schöne Alleen, viele Verkehrstote und einen CDU-Landesvorsitzenden mit Namen Jürgen Seidel, der in seiner Eigenschaft als Landrat des Kreises Müritz darauf besteht, bei automatischen Radarkontrollen innerorts Überschreitungen der Höchstgeschwindigkeit um 13 Stundenkilometer zu dulden. Außerdem hat das Land eine Hauptstadt, die gerade in Begriff steht, eine Rennstrecke zu werden. Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) möchte das Tempolimit in seiner Stadt zeitweise ganz außer Kraft setzen, um eines von weltweit zehn Tourenwagen-Rennen des Formel-1-Verbandes FIA in die Stadt zu holen. Monza, Imola, Schwerin - 250 Stundenkilometer wären dann durchaus im Rahmen. Jetzt streiten die Schweriner, ob so ein Spektakel in ihre Stadt passt und, falls ja, wie viel es kosten darf.

Den größten Krach gab es um die geplante Rennstrecke. Zunächst sollten die Rennwagen direkt vor dem Schloss, in dem der Landtag untergebracht ist, in die Kurve gehen, um auf einer Schwimmbrücke über den Schweriner See wieder an Tempo zu gewinnen. Auch der barocke Schlosspark hätte seinen Teil am Benzindunst abbekommen. Doch der Plan scheiterte am Widerstand des Landes, über dessen Grund ein Teil der Strecke hätte führen müssen.

Nun hat OB Claussen einen Kompromissvorschlag vorgelegt. Die spektakuläre Fahrt über den See entfällt - statt 80 Bäumen, wie zunächst geplant, müssten nur noch vier gefällt werden - auch führt die Strecke nun am Rand des Schlossparks vorbei und nicht mehr mitten hindurch. Dagegen würde das Schloss weiterhin in vielen Kameraeinstellungen zu sehen sein - womit ein wichtiger Zweck der Veranstaltung erreicht wäre. Schwerin möchte bekannter werden. Wir rechnen mit 50 Millionen Zuschauer im Fernsehen, sagt Christian Meyer, Pressesprecher der Stadtverwaltung, offenbar in völliger Unkenntnis der Einschaltquote. 100 000 Zuschauer auf Eurosport in Deutschland, vielleicht 500 000 weltweit - das wäre schon ein Erfolg. Außerdem, sagt Meyer, sollen 100 000 Besucher im Verlauf der drei Renntage 15 Millionen Euro in der Stadt lassen. Das seien Erfahrungswerte, die wir über Fachleute reingeholt haben.

Diesem Argument wollen sich viele Lokalpolitiker nicht verweigern. Wenn die Fernsehzuschauer die Schönheit des Schlosses sehen, glaubt der CDU-Fraktionsvorsitzende Gert Rudolf, dann ist das besser als jede Hochglanzbroschüre. Außerdem würden viele Deutsche dann endlich erfahren, wo Schwerin liegt (rund hundert Kilometer östlich von Hamburg). SPD-Chef Thomas Haack ist nicht grundsätzlich dagegen, und Silvio Horn von der Fraktion Unabhängige Bürger will sich dem Autorennen nicht verschließen, auch wenn er Zweifel an der offiziellen Einschätzung des Zuschauerinteresses hegt.

Aber passt das Rennen überhaupt zu Schwerin? Wofür steht die Stadt? Eine Universität fehlt, die größten Arbeitgeber sind Ministerien, der Norddeutsche Rundfunk und das Krankenhaus. Die im Stadtzentrum geplante Wasserskianlage scheiterte, der Kanal vom Schweriner See zur Ostsee bleibt ein Traum der Wassersportler, das Radrennen rund um den Pfaffenteich, zu dem auch Jan Ullrich einst angereist war, soll nicht wiederholt werden. Rentner könnte man wohl anlocken, die Stadt bietet Kunst, Kultur und Erholung. Aber Motorsport?

Das passt hier nicht rein, sagt der PDS-Fraktionsvorsitzende Peter Brill.