John Lennon ist mausetot. "Bird lives" stand 1955 an Hauswänden in New York, als der Schöpfer des modernen Jazz, Charlie ›Bird‹ Parker, starb. "Elvis lebt" ist zum Allgemeinplatz geworden, doch "John lives" schrieb keiner. Erschossen und betrauert wurde die Person, nicht der Rockstar. Erinnerungen, meist eingeleitet von Yoko Ono, helfen ihm da so wenig wie das kollektive Gedächtnis. "Fuckin’ hell." Besser wäre es, er dürfte mit 65 wieder einmal klarstellen, dass es eine Wiedervereinigung der Beatles auch 2006 nicht geben werde, erfreulicher, er erschiene ab und zu bei einem Benefizkonzert und rappte mit Eminem über Give Peace A Chance, beruhigender, er säße vor seinem Laptop und arbeitete an einem Remix afrikanischer Stammesgesänge, schöner, er schriebe sein Echolot der siebziger Jahre, oder er schaute – Yoko Ono an seiner Seite – jahrelang einfach aufs Meer hinaus.

Stattdessen ist er eine Ikone. Number 1. Vor seinem Idol Elvis Presley, vor David Bowie, vor Keith Richards, Kurt Cobain, 13 Plätze vor Paul McCartney. Mitten im Olymp sitzt er, in den er immer wollte und der ihm schon nach kurzer Zeit zu langweilig und kalt wurde. "Wohin gehen wir?", skandierte er in den Anfangsjahren der Beatles, wenn die entmutigt oder müde waren und keine Lust mehr hatten. "To the toppermost of the poppermost!" war die korrekte Losung im Chor, und schon darin steckte seine Ironie, seine Ambiguität dem Ruhm gegenüber. Er wollte ihn, und dann war er ihm nicht mehr wichtig. "Mir ist ganz egal, ob man sich an mich erinnert", erklärte er zu Beatles-Zeiten. "Mir ist es egal, was passiert, wenn es mich nicht mehr gibt." Also haben wir freie Hand, dürfen wir ihn zum größten intelligenten Rock-’n’-Roll-Tier erklären, zum ewig Getriebenen, der dem verehrten Publikum so viele Rollen anbot, dass sich bis heute für jeden etwas findet. Nennen wir ihn den letzten großen Sucher, der jede seiner Rollen lebte und sie nicht ladymadonnenhaft plante. Erheben wir ihn zur Verkörperung des freien, authentischen Individuums der sechziger und siebziger Jahre, mit all den Irrtümern und Visionen, an denen sich die nachfolgenden Generationen abarbeiten durften – wahlweise als Rock-’n’-Roll-Rebell, Polit-Aktivist, Feminist, Macho, Pazifist. Wer sich heute strebend bemüht, trifft immer auf ein bisschen Lennon. Er war schon da.

"Es sind die gewalttätigen Menschen, die sich für Liebe einsetzen"

Man sollte nicht vergessen, wie peinlich er einem zeitlebens oft erschien: pausbäckig, mit dem kragenlosen Anzug, den Brian Epstein den Beatles verschrieb, mit den Hippie-Hängerchen zu Vollbart und LSD, dem Bed-in-Nachthemd und dem Streetfighter-Barett in New York City, dem Strickpullunder zur Urschreitherapie, dem ständigen Händchenhalten und Bäumchenpflanzen. "Papa, den findest du gut?" – "Ja, meine Tochter", denn es gab auch den anderen: den in Hamburg mit den spitzen Schuhen zur Rock-’n’-Roll-Tolle, der runden Sonnenbrille zur Plastic Ono Band, dem Muscle-T-Shirt zu New York, der hellbraunen Hornbrille zum Central-Park-Anzug. Und doch konnte man den einen nicht ohne den anderen haben, den Johnny nicht ohne den Ono. Er ist der zärtliche Punk, er ist der todernste Komödiant, er ist der verletzliche Macho – er ist immer beides, das macht ihn so groß. "Ich hab mich mit Männern geprügelt, und ich habe Frauen geschlagen. Das ist der Grund, warum ich dauernd vom Frieden rede. Es sind die gewalttätigsten Menschen, die sich für Liebe und Frieden einsetzen. Alles ist sein Gegenteil."

Am 9. Oktober 1940 wird John Winston Lennon um 18.30 Uhr mitten in einen Bombenalarm in Liverpool hineingeboren; als er ein Jahr alt ist, gibt ihn seine schöne, lebenslustige Mutter zur Schwester, wo er aufwächst und nicht weiß, dass seine Mutter nur 15 Minuten entfernt wohnt, mit einem neuen Mann, mit neuen Kindern. Sein leiblicher Vater fährt zur See und sonst wohin, taucht 1946 auf und zwingt den sechsjährigen John, sich zu entscheiden: er oder die Mutter. John entscheidet sich für die Mutter, die ihn dafür wieder zur Schwester schickt. Mit 15 kommt er seiner Mutter Julia endlich näher, als er 17 ist, wird sie von einem betrunkenen Polizisten tödlich überfahren. Das Muster eines Albtraums. John Lennon ist laut Schulbefund desinteressiert, ein unbegabter Störenfried, aggressiv und bösartig. Die Eltern von Paul McCartney warnen ihren Sohn vor diesem neuen Freund. John bleiben seine Tante Mimi, das Schreiben, Zeichnen und seine Musik, um die Dämonen zu vertreiben: "Mother, you had me / But I never had you".

Er zog sich aus bis auf die Haut, ganz gleich, ob uns das peinlich war